

In Tübingen tauchen zunehmend kleine handgemalte, ausgeschnittene und angekleisterte Aufkleber, sogenannte Paste-Ups auf. Fotos: St.-P. Ballstaedt (16.01.2017)


In Tübingen tauchen zunehmend kleine handgemalte, ausgeschnittene und angekleisterte Aufkleber, sogenannte Paste-Ups auf. Fotos: St.-P. Ballstaedt (16.01.2017)
Eine vergängliche Kunst und eine maskuline Form des Hinterlassenes von Spuren. Jahrelang bin ich daran gescheitert, einen Violinschlüssel in den Schnee zu pinkeln. (15.01.2017)
Ästhetisch nicht befriedigend, bessere Beispiele hier. Foto: Str.-P .Ballstaedt
„Die Unfälle verliefen weitgehen glimpflich.“ Das bedeutet, sie sind ohne besonderen Schaden verlaufen. Woher kommt dieses seltsame Adjektiv „glimpflich“? – „Sie verunglimpfen Andersdenkende.“ In dem Verb im Sinne von „diffamieren, schlechtmachen“ steckt wieder das Morphem „glimpf“, das es als freistehendes Substantiv nicht mehr gibt, nur noch als Eigenname „Glimpf“. Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm sind viele Spalten dem Wort „Glimpf“ mit seinen Ableitungen und Bedeutungen gewidmet. 1727 reimt der Gelegenheitsdichter Christian Friedrich Henrich:
den Männern sey es grosser schimpff
wenn sie mit so viel zarten glimpff
das liebe frauenzimmer ehren
Glimpf bedeutet hier ein gutes Benehmen, mit dem man sich bei den Frauen einschmeichelt. Unglimpf bedeutet schlechtes Benehmen, wenn man jemanden kränkt, beleidigt oder ihm Schaden zufügt.
Das Wort hat eine verzwickte und nicht geklärte Etymologie. Es stammt wohl ursprünglich von einem starken althochdeutschen Verb: limphan oder gilimphan in der Bedeutung „zukommen, zutreffen, geziemen“. Daraus wird ein Substantiv: gilimph = Angemessenheit und im Mittelhochdeutschen g(e)limpf = angemessenes Benehmen. Es gibt Spekulationen, dass das Wort etwas mit den Verben limpen oder lumpen = hinken, lahmen, sich fortschleppen (englisch to limp) zu tun habe, aber die dafür notwendigen Bedeutungsverschiebungen bleiben im Dunkel der Sprachgeschichte. (11.01.2017)
Sonderbares Holzschildchen auf einer Hauswand in der Neuen Straße in Tübingen. Offenbar das Feminismus-Symbol, das übermalt wurde. Foto: St.-P. Ballstaedt (08.01.2017)
Von einem Klassiker des französischen Films habe ich die Aussage in Erinnerung, dass man einmal im Film den Geschlechtsakt zeigen wird und das würde sehr langweilig sein. Heute kann man in jedem Film ab 12 Jahren explizite Sexszenen sehen. Eine gute Sexszene zeigt nicht nur den Verkehr, sondern macht auch eine Aussage über die Persönlichkeiten und die Beziehung des Paares.
Sehr gut gelungen ist dies im Film „Paula. Mein Leben soll ein Fest sein“ über die Malerin Paula Modersohn-Becker. Es gibt drei Sexszenen. Die erste Szene zeigt einen sexuellen Kontakt mit ihrem Ehemann, kurz nach der Heirat. Sie liegen nackt einander zugewandt, aber in räumlichem Abstand und sie befriedigt ihn manuell. – Die zweite Szene zeigt die Entjungferung von Paula, wobei sich nicht defloriert wird, sondern sich auf ihren französischen Lover George sitzend in ruhigen und vorsichtigen Bewegungen selbst defloriert. Nur zwei Blutflecken auf dem Laken bezeugen das Ergebnis. – Die dritte Sexszene: Mit ihrem Ehemann schläft sie nach dem Wiedersehen in Paris unter einer grauen Bettdecke, ein Paar das die Umwelt damit abschirmt, man sieht nur ihre Leiber in Bewegung, der Mann offenbar über ihr. Alle drei Szenen sind bezeichnend für die jeweilige Situation von Paula, sie visualisieren perfekt ihre Entwicklung.
Übrigens gehören Sexszenen zu den anstrengendsten und oft langwierigsten, bis sie endlich im Kasten sind und die Aufnahmecrew mit einem anerkennenden „Great fucking!“ reagiert. (07.01.2017)
Was zieht mich an seinen Bildern an? Keine Ausstellung habe ich von ihm verpasst: Staatsgalerie Stuttgart1985/86; Haus der Kunst München 1996/97, und jetzt wieder in der Staatsgalerie Stuttgart 2016/17.
Die Menschen sind auf Podesten, Gerüsten, Laufstegen exponiert und in leeren Räumen isoliert, meist nackt und maskulin, die Körper fleischig, verkrampft, amorph, kriechend oder ineinander verschlungen und verknetet. Oft sind die Leiber als Torso fragmentiert oder verwundet wie auf einem Schlachtfeld. Die Gesichter aufgedunsen mit furunkeligen Auswüchsen, die Münder oft schreiend aufgerissen mit Zahnreihen wie bei einem Totenschädel.
Die Gesichter visualisieren die Auflösung der Identität, die Verdreifachung einer Person in einem Triptychon mit getrennt gerahmten Bildern veranschaulicht eine multiple Persönlichkeit. Der Mensch als biologische Kreatur, die isoliert zu keiner Ganzheit findet und in der Gemeinschaft nur zu zerfleischten Vereinigungen und Verknotungen fähig ist, in der er wiederum als einzelne Person verschlungen wird, Begrenzungen der einzelnen Körper sind nicht erkennbar, sie fließen unscharf ineinander.
Ich interpretiere die Gemälde als extremen Ausdruck eines existenzialistischen Lebensgefühls. Die Bilder führen zu einem radikal ambivalenten ästhetischen Erlebnis: Der oder die Betrachtende fühlt sich durch Hässlichkeit abgestoßen und gleichzeitig existenziell betroffen und als Voyeur angezogen. Man wird zum Zeugen der Auflösung von Körper und Seele. (05.01.2017)
Eine Betrachterin in der Tate Galerie vor Francis Bacon: Triptychon 1972. Foto: Stu Smith, Flickr.com
Der Erfinder des Überraschungseis, William Salice, ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Er hatte bei Ferrero die zündende Idee, Eier aus Schokolade mit gelben Plastikkapseln zu füllen, in denen allerlei Spielzeug versteckt war. So konnten die Eier nicht nur Ostern, sondern das ganze Jahr verkauft werden und erfüllten drei Kinderwünsche auf einmal: „Bringst Du mir etwas mit? Was Spannendes, was zum Spielen. Und Schokolade!“ Die Kinderschokolade kann man vergessen, sie schmeckt nur süß und nicht nach Kakao, aber die Figurenserien und Spielbausätze waren beliebt. Die Figuren – es begann mit den Schlümpfen – wurden zu begehrten Sammlerobjekten. Es wurden sogar Fälschungen in Umlauf gesetzt, weil Ferrero eine Figur der Serie verknappte, um den Kauf anzukurbeln. Man konnte im Supermarkt Erwachsene beobachten, die ein Ei nach dem anderen am Ohr schüttelten, um auf den Inhalt zu schließen. Die Spielzeugbausätze waren einer Herausforderung für die Väter, denn die Kleinteile waren für die Finger schwer greifbar. Bauanleitungen aus Ü-Eiern habe ich in meinen Seminaren zur technischen Kommunikation eingesetzt. (01.01.2017)

Explosionszeichnung zum Zusammenbau einer Figur aus einem Überraschungsei. Scan: St.-P. Ballstaedt
Dass man auch mit über 70 noch für die Gesellschaft nützlich sein kann, das zeigt das Beispiel des Entertainer Jörg Draeger, der heute das Comeback von Tutti Frutti moderieren darf. An die Erotik-Show mit „Tittenonkel“ Hugo Egon Balder kann ich mich gut erinnern, die ich 1990 -1993 hin und wieder aus fernsehkritischen Motiven rezipiert habe. Die harmloseste Art, Sex zu präsentieren. Auch Gabriela aus Gütersloh durfte unter erotisch anmutenden Verrenkungen ihren BH vom Körper reißen, der Slip bliebt immer an. Gewagt war damals allerdings der Männerstrip, den man einschob, um Kritik an der Frauenfeindlichkeit der Show zu unterlaufen. Nach Aussage des verantwortlichen Redakteurs bei RTL Nitro soll das neue Format „edel und nicht schlüpfrig“ werden. Das habe ich befürchtet. (30.12.2016)
Früchte sind als Symbole für Erotik und Fruchtbarkeit beliebt: Aprikose, Pflaume, Apfel, Tomate, Orange, Granatapfel. Food Fotograf: St.-P. Ballstaedt
Glücklicher Semiotiker bei der Kommunikation mit einem Emoji. Foto: E. Hornung-Ballstaedt (28.12.2016)
Im SPIEGEL 52/2016 hat der Journalist Stefan Berg ein Essay veröffentlicht, in dem er den Sprachgebrauch im Netz als „verbale Inkontinenz“ kritisiert. Er stellt gegen diese „Verhappungsverknappungsmaschinerie“ ein Plädoyer für den langen und syntaktisch anspruchsvollen Satz. Das Argument: Die Wirklichkeit ist komplex und lässt sich nicht adäquat in einfachen Sätzen beschreiben: „Die Wahrheit braucht lange Sätze.“ Einer differenzierten Sprache entspricht auch ein differenziertes Denken, umgekehrt ist eine einfache Sprache Indikator für ein schlichtes Denken. Das hatten wir in der Soziolinguistik schon einmal als elaborierten und restringierten Sprachgebrauch (Basil Bernstein). Die These ist durchaus plausibel, denn ein komplexes Satzgefüge enthält über Relativsätze und Konjunktionalsätze inhaltliche Verknüpfungen. Wer nur kurze Phrasen formuliert, der denkt auch weniger in Zusammenhängen. Einfache Sätze lassen viele inhaltliche Beziehungen implizit und sind deshalb offener für Missverständnisse und Interpretationen. Wer lange komplexe Sätze formuliert, der lässt sich auch Zeit, seine Gedanken zu entwickeln und schreibt nicht bei jedem Impuls sofort einen Tweet.
Aber stimmt die Gleichung? Ist ein komplexer Satz grundsätzlich der Ausweis eines differenzierten und wahrhaftigen Denkens? Oder kann er nicht auch Beleg für geistige Wirrnis und unausgegorene Gedanken sein? Komplexe Formulierungen und verbales Imponiergehabe tarnen oft die Dürftigkeit der Argumente und das Motiv des Verschleierns. (28.12.2016)