Weihnachtskarte

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Diese elektronische Weihnachtskarte habe ich von der Tanner AG aus Lindau am Bodensee bekommen. Entworfen wurde sie natürlich am Standort Berlin. (23.12.2016)

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Trump-Gebärde

Nach dem Wort des Jahres in Deutschland, jetzt eine Gebärde des Jahres in der Schweiz. Die Lexikon-Kommission des Schweizerisch Gehörlosenbunds hat unter etwa 250 neuen Gesten diejenige für Donald Trump ausgewählt: Die Trump-Gebärde ist nachahmend bzw. ikonisch und zeigt, wie er sich mit der rechten Hand seine Föhnfrisur bändigt.

Wie kommt so eine Geste zustande? Wenn ein neuer Begriff auftaucht, wird das dazugehörige Wort zunächst mit dem Fingeralphabet buchstabiert. Das ist umständlich, deshalb entstehen intuitiv und spontan eine oder auch mehrere gestische Varianten, die prägnanteste breitet sich dann aus. (20.12.2016)

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Die neue Trump-Gebärde mit passendem Gesichtsausdruck. Übrigens wird auch Hillary Clinton über die Frisur gestisch bezeichnet: Man teilt die Hände über dem Kopf, um ihren Scheitel nachzuahmen. Foto: E. Hornung-Ballstaedt

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Tellerrand

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Visualisierte Redewendung: der Blick über den Tellerrand. Feministisches (?) Stencil am Tübinger Nonnenhaus. Foto: St.-P. Ballstaedt (17.12.2016)

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Fake News

Das Adjektiv „postfaktisch“ hat es zum Wort des Jahres 2016 geschafft, berechtigt, denn es ist nicht nur ein Lieblingswort des Feuilletons und der Politik, sondern fokussiert einen zentralen Aspekt unserer Gesellschaften.

Lügen, Falschmeldungen, Über- und Untertreibungen, Gerüchte, Vermutungen, Auslassungen, zugespitzte Polemiken, üble Nachrede usw. hat es schon immer gegeben. Desinformation wurde und wird gezielt verbreitet: im militärischen Bereich (Spionage), in der Wirtschaft (Werbung und PR), in der Politik (Propaganda). Drei Dinge haben sich aber geändert:

  1. Jeder, der einen Computer benutzt, kann jetzt mitmachen. Die Anonymität, hinter der versteckt man jede Behauptung in die Welt setzen kann, verlockt dazu, mit einer erfundenen Behauptung oder einem manipulierten Bild eine große Resonanz zu erzeugen. Das ist für viele offenbar attraktiv, es bestärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das in der Lebenswirklichkeit vielleicht wenig ausgeprägt ist.
  2. Die virale Verbreitung von Informationen über das Internet und die sozialen Netzwerke geht rasend schnell und ist kaum aufzuhalten. Es ist unglaublich, wie viel massiv tendenziöse und manipulative Informationen im Netz verbreitet werden. Nur in meinem Blog wurden in drei Jahren 11.318 Spam-Meldungen ausgefiltert und 20.938 Anmeldeversuche blockiert! Das Internet verkommt zur kommunikativen Müllgrube.
  3. Es gibt Adressaten für Fake News, die in dem Angebot an Informationen verloren sind und die darauf gieren, genau das zu lesen und zu hören, was ihre vorgefasste Meinung verstärkt. Es schimpfen gerade die über die einseitige Lügenpresse, die selbst an Einseitigkeit ihres Weltbildes kaum zu übertreffen sind. Sie wollen nichts zur Kenntnis nehmen, was eine kognitive Dissonanz erzeugen und sie verunsichern könnte.

Sollte man das Verbreiten von Falschmeldungen unter Strafe stellen, wie jetzt in der Politik gefordert wird? Ein entsprechendes Gesetz würde vermutlich eine Welle von Anklagen zu unliebsamen Behauptungen zur Folge haben, denn zwischen gesicherten Tatsachen und deren Interpretation existiert eine Grauzone.

Besonders der Journalismus ist jetzt gefordert, sich auf seine gesellschaftlichen Aufgaben zu konzentrieren: Recherchieren, Berichten, Kommentieren, d. h. Einordnen und Bewerten. Das ist eine schwierige Aufgabe, denn auch Journalisten und Journalistinnen sind auf Quellen angewiesen, auch sie haben Meinungen und Einstellungen. Und es gibt immer verschiedene Bezugsrahmen, in denen Fakten interpretiert werden können. Auch Journalisten und Journalistinnen sind nicht unfehlbar, aber sie müssen Vorbilder im Umgang mit Informationen sein. (14.12.2016)

Nachtrag: Zwei Artikel zum Thema: „Gegen Fake News hilft kein Gesetz“ von Sascha Lobo auf SPIEGEL Online. Und ein Ratgeber: „Alles was sie jetzt über Fake News wissen müssen“ auf der Satiresite „Der Postillon“.

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Magic Mushrooms

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Das sind doch nicht etwa psilocybinhaltige Pilze in der Tübinger Nauklerstraße? Foto: St.-P. Ballstaedt (13.12.2016)

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Bunga Bunga

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Ist das nicht zu früh für RIP? Wer kommt wohl nach Gentiloni? Gefunden in Tübingen in der Keplerstraße. Foto: St.-P. Ballstaedt (11.12.2016)

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Furzwitze

Der britische Humorforscher Dr. Paul McDonald von der Universität Wolverhampton hat die zehn ältesten dokumentierten Witze der Menschheit aufgespürt. Den ältesten fand er auf einer sumerischen Tontafel, er lässt sich bis auf 2.300 v. d. Z. zurückdatieren:

Was seit Urzeiten noch nie geschehen ist: Eine junge Frau pupst nicht in den Schoß ihres Mannes.

Mich irritiert etwas die doppelte Verneinung, deshalb hier die Übersetzung des Wissenschaftlers aus der sumerischen Keilschrift:

Something which has never occurred since time immemorial; a young woman did not fart in her husband’s lap.

Wie auch die genaue Übersetzung lautet, das ist eigentlich kein Witz, denn es fehlt eine Pointe. Es ist einfach eine peinliche Situation, die immer erheitert, sofern sie einem nicht selbst widerfährt: die Hose rutscht herunter, die Toilettentür ist nicht verriegelt, ein Ausrutscher auf einem Hundehäufchen usw. Das sind Scherze, die auch im Slapstick transkulturell funktionieren. Allerdings haben Furzwitze eine Tradition, denn das Ablassen von Winden in Gesellschaft gilt in den meisten Kulturen als unerzogen und peinlich. Aus gesundheitlichen Gründen ist es nur in Zurückgezogenheit erlaubt (siehe Norbert Elias: Der Prozeß der Zivilisation). Bei Kindern sind Pupsscherze sehr beliebt, als Scherzartikel hat sich das Furzkissen gehalten und es gibt auch drei Fart-Machine-Apps. Auch in den Comics und Cartoons von Crumb, Reiser oder in Charlie Hebdo wird gern gefurzt. Hier mein Lieblingsfurzwitz:

Kommt eine ältere Dame zum Arzt „Herr Doktor ich leide unter starken Blähungen. Das Gute daran ist allerdings: Man kann sie nicht hören und sie riechen auch nicht. Seit ich bei ihnen im Zimmer bin, habe ich bestimmt schon sechs Winde fahren lassen.“ Der Arzt verschreibt der alten Dame Pillen. Eine Woche später kommt sie wieder zum Arzt und sagt: „Herr Doktor was haben sie mir da für Pillen aufgeschrieben, meine Pupse stinken jetzt wie die Pest!“ Darauf der Doktor: „Gut, ihre Nase funktioniert wieder, jetzt verschreibe ich noch etwas für ihr Gehör!“ (10.12.2016)

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Wachvogel

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Edles Graffito an einer Hauswand in der Düppelstraße in Gelsenkirchen. Foto: St.-P. Ballstaedt (09.12.2016)

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Charlie Hebdo

Es gehört zu den unerwarteten Folgen des Attentats auf die Redaktion der Satirezeitschrift, dass sie seitdem so viel Gewinn gemacht hat, dass sie jetzt sogar mit einer deutschen Ausgabe startet. Das ist mutig, denn den vulgären, unkorrekten, antireligiösen und mehrdeutigen Humor der Blattmacher dürften in Deutschland nur wenige Personen goutieren. In Tübingen wird über einen läppischen Papstwitz auf einer Feuerwehrsause wochenlang entrüstet in den Leserbriefen diskutiert! In der ersten Ausgabe gibt man sich Mühe, auf deutsche Verhältnisse einzugehen, aber die zahlreichen Merkel-Karikaturen finde ich etwas flach und nur begrenzt witzig. Die vierseitige Text-Bild-Reportage mit Interviews zur Befindlichkeit der Deutschen ist treffend, aber es fehlt der Biss und eine französische Sicht auf uns Deutsche. Trotzdem Bienvenue! Eine Bereicherung neben der Titanic und Eulenspiegel, die mir oft zu brav sind. Aus dem Mission Statement von Charlie: Charlie Hebdo c’est un coup de poing dans la gueule. Contre ceux qui nous empêchent de penser. Contre ceux qui ont peur de l’imagination. (04.12.2016)

hamilton

Typisch Charlie Hebdo: wenig feinsinnig und entlarvend. Eine Karikatur von Vuillemin aus der ersten deutschen Ausgabe.

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Lektüre zum Vertrauen

Jürgen Wertheimer/Niels Birbaumer (2016): Vertrauen. Ein riskantes Gefühl. Salzburg: Ecowin by Benevento Publishing.

Ein Literaturwissenschaftler und ein Neuropsychologe tun sich zusammen, um das Gefühl des Vertrauens zu erforschen, der eine interpretiert dazu Texte der Weltliteratur, der andere referiert Befunde aus Laborexperimenten, Gehirnscans und hormonellen Mustern.

Das Thema Vertrauen hat bisher recht wenig Beachtung gefunden hat, dabei ist das „starke Gefühl des Vertrauens […] der Kitt, der die Welt im Innersten zusammenhält. Umgekehrt ist fehlendes Vertrauen oder glatter Vertrauensbruch wie ein Gift, das organische Zusammenhänge zersetzt und Bindungen auflöst.“ (S. 15) Menschliches Zusammenleben ist ohne Vertrauen kaum denkbar. Aber Vertrauen ist trügerisch und birgt stets die Gefahr enttäuscht und betrogen zu werden, denn Vertrauen wird gerade notwendig, wenn wir die Absichten des Gegenübers nicht sicher kennen. „Derjenige, der Vertrauen schenkt, liefert sich aus. Der, dem Vertrauen geschenkt wird, erfährt einen Machtzuwachs“ (S. 45).

Das Vertrauen lässt sich in eine Reihe von Unterformen aufteilen, wie sensorisches, motorisches und soziales Vertrauen, dazu noch Selbstvertrauen und Gottvertrauen. Das soziale Vertrauen ist das zentrale Thema des Buches. Aber ist Vertrauen überhaupt ein reines Gefühl? Die Autoren machen überzeugend deutlich, dass beim Vertrauen kognitive und emotionale Anteile, Prozesse im limbischen System und im präfrontaler Cortex nicht zu trennen sind. Beim Vertrauen wird erlebbar, dass Fühlen und Denken in schwer beschreibbarer Weise zusammenwirken: Vertrauen hat einerseits mit Erfahrungen, Vermutungen, Überlegungen, Entscheidungen zu tun, anderseits ist es ein Mischgefühl, eine emotionale Gemengelage, in der zahlreiche Komponenten ineinandergreifen: Unsicherheit, Hoffnung, Empathie, Angst, Neid, Eifersucht. Vertrauen ist so etwas wie ein Metagefühl, das andere Gefühle beeinflusst und steuert.

Während die Basisgefühle wie Angst, Wut, Freude, Ekel, Neugier u.a. einen biologisch festgelegten und interkulturell verständlichen Ausdruck haben, ist Vertrauen bisher weder in seinen körperlichen noch in seinen hirnphysiologischen Korrelaten klar nachweisbar. „Soziales Vertrauen ist über weite Strecken des Gehirns in vielen emotionalen und kortikalen Regionen verteilt“ (S. 37). Gemischte Gefühlszustände sind nichtsprachlich wie sprachlich schwer kommunizierbar und bieten deshalb Anlass für zahlreiche Missverständnisse. In Romanen und Dramen werden unzählige Szenarien des Vertrauens, Misstrauens, Vertrauensbruchs, Verrats und Betrugs durchgespielt, ein Dauerthema, Jürgen Wertheimer kann in die Vollen greifen: Euripides, Shakespeare, Schiller, Kleist, Hofmannsthal, Kafka, Tolstoi, Brecht, Grass und viele mehr. Die Literaturwissenschaft dominiert in dem Buch, Niels Birbaumer kann da oft kaum mithalten. Der Text wirkt an vielen Stellen so, als ob der Literaturwissenschaftler zuerst seine Interpretationen niedergeschrieben hat und dann der Neuropsychologe nach einer Andockstelle sucht, wo er einen Kommentar einfügen kann. Von Kleists „Verlobung in St. Domingo“ zum Bindungshormon Oxytozin ist es dann nur ein Sprung. Der Text wirkt oft additiv, nicht integrativ.

Schauen wir uns das Kapitel 2 genauer an, das eine theoretische Basis für die folgenden Kapitel legt. Der heimelige Begriff des Urvertrauens (basic trust bei Erik Erikson) wird auf den Prüfstand gestellt. Ergebnis: „Die Wahrheit ist, es gibt kein Urvertrauen. Die Kunst des Vertrauens ist das Produkt eines langwierigen und extrem aufwändigen Erfahrungs- und Erarbeitungsprozesses“ (S. 42). Der fängt schon im Uterus an, das zeigen Untersuchungen der Hirnaktivität beim fetalen emotionalen Lernen, die der Neuropsychologe referiert. Jetzt setzt der Literaturwissenschaftler ein und interpretiert Passagen aus „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne und der “Blechtrommel“ von Günther Grass, danach ein Fallbericht des Neurologen Oliver Sacks. Dabei geht es um den Verlust sensorischen Vertrauens, mit der Entwicklung des sozialen Urvertrauens haben diese Passagen nur am Rande zu tun. Dann setzt der Neuropsychologe mit einigen Sätzen zu Schizophrenie und Demenz ein, gefolgt von Erkenntnissen zur Repräsentation von sozialen Vertrauen im Gehirn und der Oszillationen von verteilten Zellensembles. Daran schließen sich Interpretation von Karl Philipp Moritz, Robert Musil, Hugo von Hofmannsthal und schließlich Saint-Exupéry an, die unsere Vertrauensbedürftigkeit und -süchtigkeit aufzeigen. Alles interessant, aber sie liefern kein schlagendes Argument gegen den „Mythos Urvertrauen“. Auch bei Erik Erikson ist das Urvertrauen ja keine angeborene Mitgift, sondern entsteht in krisenhaften Auseinandersetzungen mit der sozialen Umwelt. Dabei kann auch ein Ur-Misstrauen entstehen, aber zu behaupten, es gibt überhaupt kein Ur-Vertrauen, leugnet die Möglichkeit einer verlässlichen und liebevollen Zuwendung als Urgrund einer Vertrauensbereitschaft, die allerdings im weiteren Leben immer wieder enttäuscht werden kann.

Konsequent problematisiert ein späteres Kapitel auch die Familie als Hort des Vertrauens. Hier wird unterstellt, dass Vertrauen eher ein Synonym „für Trägheit, Gewohnheit und Bequemlichkeit“ darstellt. Man muss einfach vertrauen und forscht lieber nicht weiter nach, um die „Vertrauensidylle“ nicht zu gefährden. Diese Hypothese wird nur an literarischen Beispielen diskutiert, hier vor allem an „Anna Karenina“ von Tolstoi. Die Psychologie pfropft nur einen letzten Absatz zum impliziten, d.h. nicht bewussten Lernen von Vertrauen auf, der zum Thema Familie gar nichts beiträgt.

An diesem – wie auch an anderen Kapiteln – wird deutlich, dass sich naturwissenschaftliche Befunde und geisteswissenschaftliche Interpretationen nicht einfach ergänzen. Jürgen Wertheimer lässt selten eine Gelegenheit aus, um zu sticheln, wie dürftig psychologische und neurologische Forschungen der Gefühle gegenüber den Beschreibungen und Erklärungen der Literatur ausfallen. Und er hat recht: Die in den Sozialwissenschaften beliebte “Boxologie“ mit Kästchen und deren Verknüpfung mit Pfeilen wirkt zwar ordnungsstiftend, aber auch reduktiv gegenüber der sozialen Wirklichkeit, trotz einer Kaskade von Variablen: Risikobereitschaft, Betrugsaversion, Bereitschaft zu verzeihen (Forgiveness), Vertrauensinvestment, Ängstlichkeit, Kooperationsbereitschaft, Gerechtigkeitssinn, Sensibilität für Betrug, Vertrauenserwartung, Labilität, Verlustängste usw. Die literaturwissenschaftlichen Interpretationen sind klug, aber der empirische Stellenwert der Texte wird nicht hinterfragt. Literatur ist ja keine Abbildung der Wirklichkeit, sondern doppelt gebrochen, durch den Autor und den Interpreten. Manchmal beschleicht den Lesenden der Eindruck, dass für vorgefasste Hypothesen selektiv literarische Belege herausgefischt werden.

Die Lektüre ist überaus anregend, aber es bleibt Patchwork, ein argumentativer roter Faden ist nur schwer erkennbar. „Vertrauen will erlernt sein“, so lautet der letzte, zusammenfassende Satz. Das Buch ist in einem Verlag der Red Bull Media House GmbH erschienen und macht deren Slogan alle Ehre: „Bücher, die den Geist beflügeln.“ (01.12.2016)

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