Sexszenen

Von einem Klassiker des französischen Films habe ich die Aussage in Erinnerung, dass man einmal im Film den Geschlechtsakt zeigen wird und das würde sehr langweilig sein. Heute kann man in jedem Film ab 12 Jahren explizite Sexszenen sehen. Eine gute Sexszene zeigt nicht nur den Verkehr, sondern macht auch eine Aussage über die Persönlichkeiten und die Beziehung des Paares.

Sehr gut gelungen ist dies im Film „Paula. Mein Leben soll ein Fest sein“ über die Malerin Paula Modersohn-Becker. Es gibt drei Sexszenen. Die erste Szene zeigt einen sexuellen Kontakt mit ihrem Ehemann, kurz nach der Heirat. Sie liegen nackt einander zugewandt, aber in räumlichem Abstand und sie befriedigt ihn manuell. – Die zweite Szene zeigt die Entjungferung von Paula, wobei sich nicht defloriert wird, sondern sich auf ihren französischen Lover George sitzend in ruhigen und vorsichtigen Bewegungen selbst defloriert. Nur zwei Blutflecken auf dem Laken bezeugen das Ergebnis. – Die dritte Sexszene: Mit ihrem Ehemann schläft sie nach dem Wiedersehen in Paris unter einer grauen Bettdecke, ein Paar das die Umwelt damit abschirmt, man sieht nur ihre Leiber in Bewegung, der Mann offenbar über ihr. Alle drei Szenen sind bezeichnend für die jeweilige Situation von Paula, sie visualisieren perfekt ihre Entwicklung.

Übrigens gehören Sexszenen zu den anstrengendsten und oft langwierigsten, bis sie endlich im Kasten sind und die Aufnahmecrew mit einem anerkennenden „Great fucking!“ reagiert. (07.01.2017)

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Francis Bacon

Was zieht mich an seinen Bildern an? Keine Ausstellung habe ich von ihm verpasst: Staatsgalerie Stuttgart1985/86; Haus der Kunst München 1996/97, und jetzt wieder in der Staatsgalerie Stuttgart 2016/17.

Die Menschen sind auf Podesten, Gerüsten, Laufstegen exponiert und in leeren Räumen isoliert, meist nackt und maskulin, die Körper fleischig, verkrampft, amorph, kriechend oder ineinander verschlungen und verknetet. Oft sind die Leiber als Torso fragmentiert oder verwundet wie auf einem Schlachtfeld. Die Gesichter aufgedunsen mit furunkeligen Auswüchsen, die Münder oft schreiend aufgerissen mit Zahnreihen wie bei einem Totenschädel.

Die Gesichter visualisieren die Auflösung der Identität, die Verdreifachung einer Person in einem Triptychon mit getrennt gerahmten Bildern veranschaulicht eine multiple Persönlichkeit. Der Mensch als biologische Kreatur, die isoliert zu keiner Ganzheit findet und in der Gemeinschaft nur zu zerfleischten Vereinigungen und Verknotungen fähig ist, in der er wiederum als einzelne Person verschlungen wird, Begrenzungen der einzelnen Körper sind nicht erkennbar, sie fließen unscharf ineinander.

Ich interpretiere die Gemälde als extremen Ausdruck eines existenzialistischen Lebensgefühls. Die Bilder führen zu einem radikal ambivalenten ästhetischen Erlebnis: Der oder die Betrachtende fühlt sich durch Hässlichkeit abgestoßen und gleichzeitig existenziell betroffen und als Voyeur angezogen. Man wird zum Zeugen der Auflösung von Körper und Seele. (05.01.2017)

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 Eine Betrachterin in der Tate Galerie vor Francis Bacon: Triptychon 1972. Foto: Stu Smith, Flickr.com

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Ü-Ei

Der Erfinder des Überraschungseis, William Salice, ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Er hatte bei Ferrero die zündende Idee, Eier aus Schokolade mit gelben Plastikkapseln zu füllen, in denen allerlei Spielzeug versteckt war. So konnten die Eier nicht nur Ostern, sondern das ganze Jahr verkauft werden und erfüllten drei Kinderwünsche auf einmal: „Bringst Du mir etwas mit? Was Spannendes, was zum Spielen. Und Schokolade!“ Die Kinderschokolade kann man vergessen, sie schmeckt nur süß und nicht nach Kakao, aber die Figurenserien und Spielbausätze waren beliebt. Die Figuren – es begann mit den Schlümpfen – wurden zu begehrten Sammlerobjekten. Es wurden sogar Fälschungen in Umlauf gesetzt, weil Ferrero eine Figur der Serie verknappte, um den Kauf anzukurbeln. Man konnte im Supermarkt Erwachsene beobachten, die ein Ei nach dem anderen am Ohr schüttelten, um auf den Inhalt zu schließen. Die Spielzeugbausätze waren einer Herausforderung für die Väter, denn die Kleinteile waren für die Finger schwer greifbar. Bauanleitungen aus Ü-Eiern habe ich in meinen Seminaren zur technischen Kommunikation eingesetzt. (01.01.2017)

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Explosionszeichnung zum Zusammenbau einer Figur aus einem Überraschungsei. Scan: St.-P. Ballstaedt

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Tutti Frutti

Dass man auch mit über 70 noch für die Gesellschaft nützlich sein kann, das zeigt das Beispiel des Entertainer Jörg Draeger, der heute das Comeback von Tutti Frutti moderieren darf. An die Erotik-Show mit „Tittenonkel“ Hugo Egon Balder kann ich mich gut erinnern, die ich 1990 -1993 hin und wieder aus fernsehkritischen Motiven rezipiert habe. Die harmloseste Art, Sex zu präsentieren. Auch Gabriela aus Gütersloh durfte unter erotisch anmutenden Verrenkungen ihren BH vom Körper reißen, der Slip bliebt immer an. Gewagt war damals allerdings der Männerstrip, den man einschob, um Kritik an der Frauenfeindlichkeit der Show zu unterlaufen. Nach Aussage des verantwortlichen Redakteurs bei RTL Nitro soll das neue Format „edel und nicht schlüpfrig“ werden. Das habe ich befürchtet. (30.12.2016)

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Früchte sind als Symbole für Erotik und Fruchtbarkeit beliebt: Aprikose, Pflaume, Apfel, Tomate, Orange, Granatapfel. Food Fotograf: St.-P. Ballstaedt

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Like!

Emojis

Glücklicher Semiotiker bei der Kommunikation mit einem Emoji. Foto: E. Hornung-Ballstaedt (28.12.2016)

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Trümmerdeutsch

Im SPIEGEL 52/2016 hat der Journalist Stefan Berg ein Essay veröffentlicht, in dem er den Sprachgebrauch im Netz als „verbale Inkontinenz“ kritisiert. Er stellt gegen diese „Verhappungsverknappungsmaschinerie“ ein Plädoyer für den langen und syntaktisch anspruchsvollen Satz. Das Argument: Die Wirklichkeit ist komplex und lässt sich nicht adäquat in einfachen Sätzen beschreiben: „Die Wahrheit braucht lange Sätze.“ Einer differenzierten Sprache entspricht auch ein differenziertes Denken, umgekehrt ist eine einfache Sprache Indikator für ein schlichtes Denken. Das hatten wir in der Soziolinguistik schon einmal als elaborierten und restringierten Sprachgebrauch (Basil Bernstein). Die These ist durchaus plausibel, denn ein komplexes Satzgefüge enthält über Relativsätze und Konjunktionalsätze inhaltliche Verknüpfungen. Wer nur kurze Phrasen formuliert, der denkt auch weniger in Zusammenhängen. Einfache Sätze lassen viele inhaltliche Beziehungen implizit und sind deshalb offener für Missverständnisse und Interpretationen. Wer lange komplexe Sätze formuliert, der lässt sich auch Zeit, seine Gedanken zu entwickeln und schreibt nicht bei jedem Impuls sofort einen Tweet.

Aber stimmt die Gleichung? Ist ein komplexer Satz grundsätzlich der Ausweis eines differenzierten und wahrhaftigen Denkens? Oder kann er nicht auch Beleg für geistige Wirrnis und unausgegorene Gedanken sein? Komplexe Formulierungen und verbales Imponiergehabe tarnen oft die Dürftigkeit der Argumente und das Motiv des Verschleierns. (28.12.2016)

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Weihnachtskarte

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Diese elektronische Weihnachtskarte habe ich von der Tanner AG aus Lindau am Bodensee bekommen. Entworfen wurde sie natürlich am Standort Berlin. (23.12.2016)

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Trump-Gebärde

Nach dem Wort des Jahres in Deutschland, jetzt eine Gebärde des Jahres in der Schweiz. Die Lexikon-Kommission des Schweizerisch Gehörlosenbunds hat unter etwa 250 neuen Gesten diejenige für Donald Trump ausgewählt: Die Trump-Gebärde ist nachahmend bzw. ikonisch und zeigt, wie er sich mit der rechten Hand seine Föhnfrisur bändigt.

Wie kommt so eine Geste zustande? Wenn ein neuer Begriff auftaucht, wird das dazugehörige Wort zunächst mit dem Fingeralphabet buchstabiert. Das ist umständlich, deshalb entstehen intuitiv und spontan eine oder auch mehrere gestische Varianten, die prägnanteste breitet sich dann aus. (20.12.2016)

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Die neue Trump-Gebärde mit passendem Gesichtsausdruck. Übrigens wird auch Hillary Clinton über die Frisur gestisch bezeichnet: Man teilt die Hände über dem Kopf, um ihren Scheitel nachzuahmen. Foto: E. Hornung-Ballstaedt

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Tellerrand

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Visualisierte Redewendung: der Blick über den Tellerrand. Feministisches (?) Stencil am Tübinger Nonnenhaus. Foto: St.-P. Ballstaedt (17.12.2016)

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Fake News

Das Adjektiv „postfaktisch“ hat es zum Wort des Jahres 2016 geschafft, berechtigt, denn es ist nicht nur ein Lieblingswort des Feuilletons und der Politik, sondern fokussiert einen zentralen Aspekt unserer Gesellschaften.

Lügen, Falschmeldungen, Über- und Untertreibungen, Gerüchte, Vermutungen, Auslassungen, zugespitzte Polemiken, üble Nachrede usw. hat es schon immer gegeben. Desinformation wurde und wird gezielt verbreitet: im militärischen Bereich (Spionage), in der Wirtschaft (Werbung und PR), in der Politik (Propaganda). Drei Dinge haben sich aber geändert:

  1. Jeder, der einen Computer benutzt, kann jetzt mitmachen. Die Anonymität, hinter der versteckt man jede Behauptung in die Welt setzen kann, verlockt dazu, mit einer erfundenen Behauptung oder einem manipulierten Bild eine große Resonanz zu erzeugen. Das ist für viele offenbar attraktiv, es bestärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das in der Lebenswirklichkeit vielleicht wenig ausgeprägt ist.
  2. Die virale Verbreitung von Informationen über das Internet und die sozialen Netzwerke geht rasend schnell und ist kaum aufzuhalten. Es ist unglaublich, wie viel massiv tendenziöse und manipulative Informationen im Netz verbreitet werden. Nur in meinem Blog wurden in drei Jahren 11.318 Spam-Meldungen ausgefiltert und 20.938 Anmeldeversuche blockiert! Das Internet verkommt zur kommunikativen Müllgrube.
  3. Es gibt Adressaten für Fake News, die in dem Angebot an Informationen verloren sind und die darauf gieren, genau das zu lesen und zu hören, was ihre vorgefasste Meinung verstärkt. Es schimpfen gerade die über die einseitige Lügenpresse, die selbst an Einseitigkeit ihres Weltbildes kaum zu übertreffen sind. Sie wollen nichts zur Kenntnis nehmen, was eine kognitive Dissonanz erzeugen und sie verunsichern könnte.

Sollte man das Verbreiten von Falschmeldungen unter Strafe stellen, wie jetzt in der Politik gefordert wird? Ein entsprechendes Gesetz würde vermutlich eine Welle von Anklagen zu unliebsamen Behauptungen zur Folge haben, denn zwischen gesicherten Tatsachen und deren Interpretation existiert eine Grauzone.

Besonders der Journalismus ist jetzt gefordert, sich auf seine gesellschaftlichen Aufgaben zu konzentrieren: Recherchieren, Berichten, Kommentieren, d. h. Einordnen und Bewerten. Das ist eine schwierige Aufgabe, denn auch Journalisten und Journalistinnen sind auf Quellen angewiesen, auch sie haben Meinungen und Einstellungen. Und es gibt immer verschiedene Bezugsrahmen, in denen Fakten interpretiert werden können. Auch Journalisten und Journalistinnen sind nicht unfehlbar, aber sie müssen Vorbilder im Umgang mit Informationen sein. (14.12.2016)

Nachtrag: Zwei Artikel zum Thema: „Gegen Fake News hilft kein Gesetz“ von Sascha Lobo auf SPIEGEL Online. Und ein Ratgeber: „Alles was sie jetzt über Fake News wissen müssen“ auf der Satiresite „Der Postillon“.

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