Das sind doch nicht etwa psilocybinhaltige Pilze in der Tübinger Nauklerstraße? Foto: St.-P. Ballstaedt (13.12.2016)
Bunga Bunga
Ist das nicht zu früh für RIP? Wer kommt wohl nach Gentiloni? Gefunden in Tübingen in der Keplerstraße. Foto: St.-P. Ballstaedt (11.12.2016)
Furzwitze
Der britische Humorforscher Dr. Paul McDonald von der Universität Wolverhampton hat die zehn ältesten dokumentierten Witze der Menschheit aufgespürt. Den ältesten fand er auf einer sumerischen Tontafel, er lässt sich bis auf 2.300 v. d. Z. zurückdatieren:
Was seit Urzeiten noch nie geschehen ist: Eine junge Frau pupst nicht in den Schoß ihres Mannes.
Mich irritiert etwas die doppelte Verneinung, deshalb hier die Übersetzung des Wissenschaftlers aus der sumerischen Keilschrift:
Something which has never occurred since time immemorial; a young woman did not fart in her husband’s lap.
Wie auch die genaue Übersetzung lautet, das ist eigentlich kein Witz, denn es fehlt eine Pointe. Es ist einfach eine peinliche Situation, die immer erheitert, sofern sie einem nicht selbst widerfährt: die Hose rutscht herunter, die Toilettentür ist nicht verriegelt, ein Ausrutscher auf einem Hundehäufchen usw. Das sind Scherze, die auch im Slapstick transkulturell funktionieren. Allerdings haben Furzwitze eine Tradition, denn das Ablassen von Winden in Gesellschaft gilt in den meisten Kulturen als unerzogen und peinlich. Aus gesundheitlichen Gründen ist es nur in Zurückgezogenheit erlaubt (siehe Norbert Elias: Der Prozeß der Zivilisation). Bei Kindern sind Pupsscherze sehr beliebt, als Scherzartikel hat sich das Furzkissen gehalten und es gibt auch drei Fart-Machine-Apps. Auch in den Comics und Cartoons von Crumb, Reiser oder in Charlie Hebdo wird gern gefurzt. Hier mein Lieblingsfurzwitz:
Kommt eine ältere Dame zum Arzt „Herr Doktor ich leide unter starken Blähungen. Das Gute daran ist allerdings: Man kann sie nicht hören und sie riechen auch nicht. Seit ich bei ihnen im Zimmer bin, habe ich bestimmt schon sechs Winde fahren lassen.“ Der Arzt verschreibt der alten Dame Pillen. Eine Woche später kommt sie wieder zum Arzt und sagt: „Herr Doktor was haben sie mir da für Pillen aufgeschrieben, meine Pupse stinken jetzt wie die Pest!“ Darauf der Doktor: „Gut, ihre Nase funktioniert wieder, jetzt verschreibe ich noch etwas für ihr Gehör!“ (10.12.2016)
Wachvogel
Edles Graffito an einer Hauswand in der Düppelstraße in Gelsenkirchen. Foto: St.-P. Ballstaedt (09.12.2016)
Charlie Hebdo
Es gehört zu den unerwarteten Folgen des Attentats auf die Redaktion der Satirezeitschrift, dass sie seitdem so viel Gewinn gemacht hat, dass sie jetzt sogar mit einer deutschen Ausgabe startet. Das ist mutig, denn den vulgären, unkorrekten, antireligiösen und mehrdeutigen Humor der Blattmacher dürften in Deutschland nur wenige Personen goutieren. In Tübingen wird über einen läppischen Papstwitz auf einer Feuerwehrsause wochenlang entrüstet in den Leserbriefen diskutiert! In der ersten Ausgabe gibt man sich Mühe, auf deutsche Verhältnisse einzugehen, aber die zahlreichen Merkel-Karikaturen finde ich etwas flach und nur begrenzt witzig. Die vierseitige Text-Bild-Reportage mit Interviews zur Befindlichkeit der Deutschen ist treffend, aber es fehlt der Biss und eine französische Sicht auf uns Deutsche. Trotzdem Bienvenue! Eine Bereicherung neben der Titanic und Eulenspiegel, die mir oft zu brav sind. Aus dem Mission Statement von Charlie: Charlie Hebdo c’est un coup de poing dans la gueule. Contre ceux qui nous empêchent de penser. Contre ceux qui ont peur de l’imagination. (04.12.2016)

Typisch Charlie Hebdo: wenig feinsinnig und entlarvend. Eine Karikatur von Vuillemin aus der ersten deutschen Ausgabe.
Lektüre zum Vertrauen
Jürgen Wertheimer/Niels Birbaumer (2016): Vertrauen. Ein riskantes Gefühl. Salzburg: Ecowin by Benevento Publishing.
Ein Literaturwissenschaftler und ein Neuropsychologe tun sich zusammen, um das Gefühl des Vertrauens zu erforschen, der eine interpretiert dazu Texte der Weltliteratur, der andere referiert Befunde aus Laborexperimenten, Gehirnscans und hormonellen Mustern.
Das Thema Vertrauen hat bisher recht wenig Beachtung gefunden hat, dabei ist das „starke Gefühl des Vertrauens […] der Kitt, der die Welt im Innersten zusammenhält. Umgekehrt ist fehlendes Vertrauen oder glatter Vertrauensbruch wie ein Gift, das organische Zusammenhänge zersetzt und Bindungen auflöst.“ (S. 15) Menschliches Zusammenleben ist ohne Vertrauen kaum denkbar. Aber Vertrauen ist trügerisch und birgt stets die Gefahr enttäuscht und betrogen zu werden, denn Vertrauen wird gerade notwendig, wenn wir die Absichten des Gegenübers nicht sicher kennen. „Derjenige, der Vertrauen schenkt, liefert sich aus. Der, dem Vertrauen geschenkt wird, erfährt einen Machtzuwachs“ (S. 45).
Das Vertrauen lässt sich in eine Reihe von Unterformen aufteilen, wie sensorisches, motorisches und soziales Vertrauen, dazu noch Selbstvertrauen und Gottvertrauen. Das soziale Vertrauen ist das zentrale Thema des Buches. Aber ist Vertrauen überhaupt ein reines Gefühl? Die Autoren machen überzeugend deutlich, dass beim Vertrauen kognitive und emotionale Anteile, Prozesse im limbischen System und im präfrontaler Cortex nicht zu trennen sind. Beim Vertrauen wird erlebbar, dass Fühlen und Denken in schwer beschreibbarer Weise zusammenwirken: Vertrauen hat einerseits mit Erfahrungen, Vermutungen, Überlegungen, Entscheidungen zu tun, anderseits ist es ein Mischgefühl, eine emotionale Gemengelage, in der zahlreiche Komponenten ineinandergreifen: Unsicherheit, Hoffnung, Empathie, Angst, Neid, Eifersucht. Vertrauen ist so etwas wie ein Metagefühl, das andere Gefühle beeinflusst und steuert.
Während die Basisgefühle wie Angst, Wut, Freude, Ekel, Neugier u.a. einen biologisch festgelegten und interkulturell verständlichen Ausdruck haben, ist Vertrauen bisher weder in seinen körperlichen noch in seinen hirnphysiologischen Korrelaten klar nachweisbar. „Soziales Vertrauen ist über weite Strecken des Gehirns in vielen emotionalen und kortikalen Regionen verteilt“ (S. 37). Gemischte Gefühlszustände sind nichtsprachlich wie sprachlich schwer kommunizierbar und bieten deshalb Anlass für zahlreiche Missverständnisse. In Romanen und Dramen werden unzählige Szenarien des Vertrauens, Misstrauens, Vertrauensbruchs, Verrats und Betrugs durchgespielt, ein Dauerthema, Jürgen Wertheimer kann in die Vollen greifen: Euripides, Shakespeare, Schiller, Kleist, Hofmannsthal, Kafka, Tolstoi, Brecht, Grass und viele mehr. Die Literaturwissenschaft dominiert in dem Buch, Niels Birbaumer kann da oft kaum mithalten. Der Text wirkt an vielen Stellen so, als ob der Literaturwissenschaftler zuerst seine Interpretationen niedergeschrieben hat und dann der Neuropsychologe nach einer Andockstelle sucht, wo er einen Kommentar einfügen kann. Von Kleists „Verlobung in St. Domingo“ zum Bindungshormon Oxytozin ist es dann nur ein Sprung. Der Text wirkt oft additiv, nicht integrativ.
Schauen wir uns das Kapitel 2 genauer an, das eine theoretische Basis für die folgenden Kapitel legt. Der heimelige Begriff des Urvertrauens (basic trust bei Erik Erikson) wird auf den Prüfstand gestellt. Ergebnis: „Die Wahrheit ist, es gibt kein Urvertrauen. Die Kunst des Vertrauens ist das Produkt eines langwierigen und extrem aufwändigen Erfahrungs- und Erarbeitungsprozesses“ (S. 42). Der fängt schon im Uterus an, das zeigen Untersuchungen der Hirnaktivität beim fetalen emotionalen Lernen, die der Neuropsychologe referiert. Jetzt setzt der Literaturwissenschaftler ein und interpretiert Passagen aus „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne und der “Blechtrommel“ von Günther Grass, danach ein Fallbericht des Neurologen Oliver Sacks. Dabei geht es um den Verlust sensorischen Vertrauens, mit der Entwicklung des sozialen Urvertrauens haben diese Passagen nur am Rande zu tun. Dann setzt der Neuropsychologe mit einigen Sätzen zu Schizophrenie und Demenz ein, gefolgt von Erkenntnissen zur Repräsentation von sozialen Vertrauen im Gehirn und der Oszillationen von verteilten Zellensembles. Daran schließen sich Interpretation von Karl Philipp Moritz, Robert Musil, Hugo von Hofmannsthal und schließlich Saint-Exupéry an, die unsere Vertrauensbedürftigkeit und -süchtigkeit aufzeigen. Alles interessant, aber sie liefern kein schlagendes Argument gegen den „Mythos Urvertrauen“. Auch bei Erik Erikson ist das Urvertrauen ja keine angeborene Mitgift, sondern entsteht in krisenhaften Auseinandersetzungen mit der sozialen Umwelt. Dabei kann auch ein Ur-Misstrauen entstehen, aber zu behaupten, es gibt überhaupt kein Ur-Vertrauen, leugnet die Möglichkeit einer verlässlichen und liebevollen Zuwendung als Urgrund einer Vertrauensbereitschaft, die allerdings im weiteren Leben immer wieder enttäuscht werden kann.
Konsequent problematisiert ein späteres Kapitel auch die Familie als Hort des Vertrauens. Hier wird unterstellt, dass Vertrauen eher ein Synonym „für Trägheit, Gewohnheit und Bequemlichkeit“ darstellt. Man muss einfach vertrauen und forscht lieber nicht weiter nach, um die „Vertrauensidylle“ nicht zu gefährden. Diese Hypothese wird nur an literarischen Beispielen diskutiert, hier vor allem an „Anna Karenina“ von Tolstoi. Die Psychologie pfropft nur einen letzten Absatz zum impliziten, d.h. nicht bewussten Lernen von Vertrauen auf, der zum Thema Familie gar nichts beiträgt.
An diesem – wie auch an anderen Kapiteln – wird deutlich, dass sich naturwissenschaftliche Befunde und geisteswissenschaftliche Interpretationen nicht einfach ergänzen. Jürgen Wertheimer lässt selten eine Gelegenheit aus, um zu sticheln, wie dürftig psychologische und neurologische Forschungen der Gefühle gegenüber den Beschreibungen und Erklärungen der Literatur ausfallen. Und er hat recht: Die in den Sozialwissenschaften beliebte “Boxologie“ mit Kästchen und deren Verknüpfung mit Pfeilen wirkt zwar ordnungsstiftend, aber auch reduktiv gegenüber der sozialen Wirklichkeit, trotz einer Kaskade von Variablen: Risikobereitschaft, Betrugsaversion, Bereitschaft zu verzeihen (Forgiveness), Vertrauensinvestment, Ängstlichkeit, Kooperationsbereitschaft, Gerechtigkeitssinn, Sensibilität für Betrug, Vertrauenserwartung, Labilität, Verlustängste usw. Die literaturwissenschaftlichen Interpretationen sind klug, aber der empirische Stellenwert der Texte wird nicht hinterfragt. Literatur ist ja keine Abbildung der Wirklichkeit, sondern doppelt gebrochen, durch den Autor und den Interpreten. Manchmal beschleicht den Lesenden der Eindruck, dass für vorgefasste Hypothesen selektiv literarische Belege herausgefischt werden.
Die Lektüre ist überaus anregend, aber es bleibt Patchwork, ein argumentativer roter Faden ist nur schwer erkennbar. „Vertrauen will erlernt sein“, so lautet der letzte, zusammenfassende Satz. Das Buch ist in einem Verlag der Red Bull Media House GmbH erschienen und macht deren Slogan alle Ehre: „Bücher, die den Geist beflügeln.“ (01.12.2016)
Berührungsnotstand
Zum Thema Kuschelgruppen habe ich bereits am 22.05.2014 einen Beitrag geschrieben, aber das Thema hat an Aktualität nicht verloren, denn der Tastsinn wird vernachlässigt, vermutlich auch wegen der vielen digitalen Kontakte (Touchpad!). Der Psychologe Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig, diagnostiziert ein „gesamtgesellschaftliches Körperinteraktionsdefizit“, dabei ist Körperkontakt „ein Lebensmittel“, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Die Wellnessindustrie hat das Defizit erkannt, es werden Massagen und Körperübungen verschiedenster Art angeboten, aber auch Rudelkuscheln und Raufpartys, um einen Ersatz für den Berührungsnotstand zu finden. Auch der Hang zu diversen streichel- und schmusefähigen Haustieren hat damit zu tun. Therapiebegleithunde und Therapiekatzen werden immer häufiger bei Ängsten, Depression, Einsamkeit usw. in Altersheimen und Kurkliniken eingesetzt. (29.11.2016)

Endlich kann ich einmal ein Katzenbild einsetzen: Wer ist der nächste Patient/Klient mit Kontaktbedürfnis? Quelle: https://pixabay.com/de
Abkratzen
Ein unschönes Wort für „sterben“, aber woher kommt es? In adligen Kreisen wurde im 17. Jh. zum Abschied der höfische, höfliche Kratzfuß eingeführt, angeblich in galanten Kreisen als Nachahmung eines verliebten Taubers. Er war den Herren vorbehalten, die Damen machten einen Knicks. Beim Kratzfuß wird bei einer Verbeugung ein Arm vor den Oberkörper gedrückt, der andere vom Körper weggehalten und gleichzeitig ein Fuß nach hinten über den Boden gescharrt, wodurch ein kratzendes Geräusch entsteht. Abkratzen bedeutet also sich (mit einem Kratzfuß) verabschieden. Im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird „er muss abkratzen“ im Sinne von „er muss sich entfernen“ aufgeführt, allerdings ohne Bezug zum Kratzfuß. Dem ist ein eigenes Stichwort gewidmet und dort findet man das hübsche Verb „kratzfüßeln“ für das Verhalten eines devoten, unterwürfigen Schmeichlers. Das Abkratzen im Sinne von „endgültig verabschieden = sterben“, wird nach Heinz Küpper „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ etwa seit 1800 benutzt. Vielleicht kommt es aus Wien, was mich nicht wundern würde. (26.11.2016)
Wenceslas Hollar (1607 – 1677): The bowing gentleman. Quelle: Wikimedia Commons
Unterjüngung
Die demografische Entwicklung der westlichen Industrienationen ist bekannt: Durch niedrige Geburtenzahlen und immer längere Lebenserwartung ist die Gesellschaft nicht überaltert – dieses Wort gilt als diskriminierend – sondern unterjüngt. Viele Firmen haben bereits die Alten als konsumierende Zielgruppe entdeckt und natürlich sind sie auch eine interessante Zielgruppe für Versicherungen. SwissLife, der größte Lebensversicherungskonzern der Schweiz, hat jetzt in Deutschland eine Kampagne gestartet, die nach eigener Angabe „das Thema des längeren, selbstbestimmten Lebens“ an die Öffentlichkeit bringen möchte. Die Kampagnenmotive stammen von der Agentur Jung von Matt. Jedes Motiv greift eine verbreitete Altersbeschwerde auf und wendet sie ins Positive. Trotz Altersflecken, Koordinationsproblemen, Grauem Star, Schlaganfall und Herzrhythmusstörungen: Die Senioren bleiben vital und fidel. Es ist eine Lust zu altern! (23.11.2016)

Zwei Motive aus der Kampagne, weitere Motive auf: SwissLife
Netzsprache
Dass in Facebook, Twitter, WhatsApp und anderen sozialen Netzwerken eine verluderte Sprache benutzt wird, gehört zu den gängigen Urteilen über die neuen digitalen Kommunikationsformen. Tatsächlich weicht die Sprache von der üblichen Kommunikation ab: neue Wortschöpfungen, Akronyme und Abkürzungen, Ellipsen (unvollständige Sätze), Inflektive (seufz, grübel), Emojis usw. Im Stil ist die Netzsprache mehr von der Sprechsprache als von der Schriftsprache geprägt. Man darf nicht vergessen: Sprache ist ein Werkzeug zur Kommunikation, kein ästhetisches Objekt. Wenn die Verständigung funktioniert, hat sie ihren Zweck erfüllt. Die Menschen passen die Sprache an ihre kommunikativen Bedürfnisse an und man sollte die kreativen Aspekte des Netzstils nicht übersehen. Deshalb den Verfall der Sprache zu beklagen, ist recht voreilig. Darauf hat jetzt wieder die Germanistin Eva Gredel aufmerksam gemacht, sie ist Sprecherin des Wissenschaftsnetzwerks „Diskurse digital“.
Allerdings ist Sprache auch eine Denkhilfe, mit der wir Ordnung in unsere Gedanken und Gefühle bringen und sie äußern können. Die im Netz verbreitete Vulgär- und Hass-Sprache zeigt, was für Köpfe sich hier verbreiten. „Digitale Plattformen sind ein sozialer Raum, an dem gesellschaftliche Entwicklungen sprachlich beobachtbar werden“, so Eva Gredel. Was sonst nur in Kneipenhinterzimmern und bestimmten Gruppen ausgesprochen wird, das wird hier öffentlich. Die Gesellschaft wird dadurch transparenter. (19.11.2016)



