Geschlechtssensibel

Sprache verändert sich, im lexikalischen Bereich schneller als im syntaktischen und viele Bedingungen wirken auf die Veränderungen ein: die benutzte Alltagssprache (z.B. die Zunahme des Dativs statt des Genitivs), Sprachmoden (z.B. heute die Anglizismen), politische Einflüsse (z.B. die Rechtschreibreform) usw. Die Bemühungen um eine geschlechtsneutrale Sprache wurde angestoßen von feministischen Linguistinnen, die zwei einleuchtende Prinzipien formulierten:

Sprachliche Sichtbarmachung: Wo von Frauen die Rede ist, muss das auch sprachlich ausgedrückt werden. Man geht also zu seiner Ärztin oder Rechtsanwältin.

Sprachliche Symmetrie: Wo von Frauen und Männern die Rede ist, müssen beide sprachlich gleich behandelt werden: Studierende, Fachpersonen, Lehrkräfte usw.

Die Umsetzung ist aber nicht ganz einfach, bisher gibt es diverse Vorschläge, z.B. für die sprachliche Symmetrie. Am verbreitetsten ist die Doppelform „Bürger- und Bürgerinnen“. In der neuen grün-schwarzen Landesregierung Baden-Württembergs haben die Grünen den Gender-Star durchgesetzt und schreiben „Bürger*innen“. Andere Vorschläge sind das Gender-Gap „Bürger_innen“ und das phallische Binnen-I „BürgerInnen“. Derartige Schreibweisen halte ich für unsinnig: 1. Sie sind in der gesprochenen Sprache nicht hörbar, 2. Sie verletzten unnötig orthografische Regeln.

Die Forderung nach geschlechtsgerechten Formulierungen ist ein instruktives Beispiel für den Sprachwandel. Die Sensibilität für sprachliche Diskriminierung ist vorhanden. In der Wissenschaft wurden schon vor etlichen Jahren Manuskripte von amerikanischen Verlagen wegen „sexist language“ zurückgesandt (s/he). In der technischen Kommunikation nimmt man auf die gemischten Zielgruppen Rücksicht, auch Frauen benutzen Geräte und bedienen Maschinen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann muss sich der Rat für deutsche Rechtschreibung mit dem Thema befassen und verbindliche Regeln formulieren. Solange kann jeder und jede gendern wie ihr oder ihm passt. (04.06.2016)

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