Schreibschrift

Nachdem es um die Rechtschreibreform gerade ruhig geworden ist, droht der Kulturtechnik Schreiben ein neuer Schlag. Im Grundschulverband wird diskutiert, ob man in den Schulen die gebundene Schreibschrift abschaffen und dafür nur eine druckschriftähnliche Grundschrift lehren soll. Dabei werden die einzelnen Buchstaben nicht mehr miteinander verbunden. Ausgerechnet beim PISA-Sieger Finnland ist das bereits ab 2016 beschlossen. Auch in der Schweiz wird darüber diskutiert. Das Argument: Die Handschrift wird immer weniger gebraucht, da fast alles auf einer Tastatur geschrieben wird. Deshalb macht es keinen Sinn mehr, Schülerinnen und Schüler mit einer komplizierten Handschrift zu quälen, sie sollen lieber die Tastaturkompetenz verbessern. Ohnehin haben 30% der Jungen und 15% der Mädchen ernsthafte Schwierigkeiten dem Erlernen der Handschrift.

Der Aufschrei der Kulturbewahrer ist wieder laut: Kinder werden unterfordert, es drohen feinmotorische Störungen und der Verlust individueller und kultureller Identität. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Abschaffung der Handschrift, sondern um ein vereinfachtes Schreiben. Wer viel mit der Hand schreibt, kann die Buchstaben auch miteinander verbinden. Eine persönliche Handschrift kann sich also auch hier entwickeln.

Handschrift ist sicher etwas Individuelles, Generation von Grafologen haben – allerdings weder reliabel, noch valide –  versucht, sie als Ausdruck des Charakters eines Menschen zu analysieren. Aber Handschrift ist auch oft unleserlich. Nach Angaben der National Academy of Sciences sterben in den USA jedes Jahr etwa 7000 Menschen an unleserlich ausgestellten Rezepten.

Die Schreibforschung hat klar ergeben: Schreiben hat wichtige kognitive Funktionen beim Sortieren der Gedanken, aber ob wir dazu eine Stift oder eine Tastatur benutzen, ist wohl nicht ausschlaggebend. Gern wird Nietzsche zitiert: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken”. Der Philosoph litt an schwindendem Sehvermögen und Migräneanfällen und kam mit der damals noch schwer gängigen und lauten Schreibmaschine nicht zurecht.

Das Schreiben verbundener Schrift soll angeblich den Gedankenfluss befördern, während das Schreiben einzelner Buchstaben das Denken unterbricht. Aber mit diesem Argument müssten über eine Tastatur Buchstabe für Buchstabe eingegebene Texte gedanklich wenig taugen. Ich selbst schreibe nur noch wenig mit der Hand, immer mit Radierer und Tippex in Reichweite: Besorgungslisten, Gedankensplitter, Sudelbucheinträge. Längere Texte schreibe ich nur auf dem Computer. Die allmähliche Verfertigung der Gedanken geht spontaner und schneller, weil Korrekturen und auch inhaltliche Umstellungen schnell vollzogen sind.

Wie bei der Rechtschreibreform ist festzustellen, dass viele Gründe für oder gegen die Grundschrift empirisch nicht abgesichert sind. Deshalb wird wieder einmal auf dem Niveau von Glaubenskriegen argumentiert. (13.04.2015)

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Die Hamburger Grundschrift, die seit 2011 an einigen Schulen ausprobiert wird: Quelle. Wikimedia Commons

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