Author Archive | SP Ballstaedt

DDR-Sprache

Zum Tag der deutschen Einheit in allen Zeitungen ein Thema: Was für Unterschiede gibt es noch zwischen den alten und den neuen Bundesländern? Was die Sprache betrifft, so war die Zeit der DDR ein linguistisches Laboratorium: Es bildeten sich schnell neue Wörter für neue Lebensverhältnisse: Aufbettung, Sättigungsbeilage, Reisekader, Frauenruheraum, Ausreiseantrag, Wendehals.

Etliche Wörter dienten der Abgrenzung gegenüber dem Westen: Männertag (für Vatertag), Grilletta (für Hamburger), Krusta (Pizzaersatz), Jahresendprämie (statt Weihnachtsgeld). Die oft verspotteten Jahresendflügelpuppen hat es aber im Sprachgebrauch nicht gegeben, sie sind eine satirische Erfindung.

Einige Wörter wurden auch von den russischen Freunden entlehnt: Datscha, Kosmonaut, Kolchose, Dispatcher (eine englisches Fremdwort im Russischen).

Interessant ist das Schicksal der DDR-Wörter nach der Wende: In den Westen hat es keines geschafft. Im Web findet man zahlreiche Ossi-Wörterbücher, oft nur Sammlungen ohne sprachwissenschaftlichen Anspruch. Eine gute Übersicht bietet der Wikipedia-Artikel über Sprachgebrauch in der DDR. (03.10.2015)

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Falsch verbunden

Dieses Logo einer Website, die sich kritisch mit Verbindungen und Burschenschaften auseinandersetzt, kommt ursprünglich aus Freiburg. Es dokumentiert die dortigen Aktivitäten in einem Blog, bietet ein Korporierten-Lexikon an und sammelt Äußerungen wie diese von Kurt Tucholsky: “Verbindungsstudenten sind ein Haufen von verhetzten, irregeleiteten, versoffenen, farbentragenden jungen Deutschen!”

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Ein Aufkleber, den man in vielen Universitätsstädten finden kann. Foto: St.-P. Ballstaedt (01.10.2015)

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Calvin

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Und noch eine Comicfigur hat es an Tübinger Hauswände geschafft: Calvin (ohne Hobbes). Foto: St.-P. Ballstaedt (29.09.2015)

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Lucky Luke

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L´homme qui tire plus vite que son ombre. Gefunden am Studentendorf in WHO Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (27.09.2015)

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Willkommenskultur

Das als Aufkleber und Stencil verbreitete „Refugees welcome“ zeigt recht abgehetzte düstere Gestalten. Die neue Willkommenskultur soll der Aufkleber der Online-Bürgerbewegung Campact für eine progressive Politik visualisieren: bunt, herzig, verbunden. (24.09.2015)

Refugees.   Campact-Aufkleber

Den farbigen Aufkleber kann man sich auf die Tür kleben, um Gesinnung zu zeigen. Quelle: Campact

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Versylten und Disneyfizieren

Auf das Wort „versylten“ bin ich in der Zeitung gestoßen. Es benennt die Sorge von Bewohnern ost- und nordfriesischer Inseln , aber auch von Usedom, Rügen und Darß, dass die Regionen durch zunehmenden Tourismus und die Kommerzialisierung der Landschaft ihren ursprünglichen Reiz verlieren.

Das vergleichbare Wort „disneyfizieren“ hat es sogar in die Stadtsoziologie geschafft und bezeichnet dort die Tendenz, den öffentlichen Raum zu kontrollieren und dort Obdachlosigkeit, Prostitution, Alkohol- und Drogenkonsum fernzuhalten. Es wird so eine Scheinwelt erzeugt, in der soziale Probleme aus dem Blickfeld verschwinden. (21.09.2015)

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Zentangle

Dass man mit Zeichnen und Malen entspannen und abschalten kann, ist keine neue Erkenntnis. Dem Ausmalen von Mandalas wird sogar eine spirituelle Dimension zugesprochen. Jetzt kommt ein neuer Trend, wie immer aus den USA: Zentangle (Kontamination aus Zen und engl. tangle= verwirren). Es geht um das Zeichnen von Mustern, um Kritzeleien und Stricheleien. Gewöhnlich aus Langeweile oder zu Entspannung produziert, wird das Zeichnen hier zur selbsttherapeutischen Methode erhoben. Die Botschaften: Jeder Mensch ist kreativ und ein Künstler. Zeichnen ist eine Form der Meditation („voll im Hier und Jetzt“). Die Produktion von Kritzeleien fördert Selbstvertrauen und Selbstfindung („Zeichnen Sie sich glücklich“).

Fast in jeder Vorlesung oder jedem Seminar sitzt eine Person, die ein Blatt Papier liebevoll mit Mustern ausfüllt. Und wie viele Bierdeckel sind schon mit Kugelschreiber vollgekritzelt worden. Aber nimmt man einer spontanen Entspannung nicht die Unschuld, wenn man Regeln aufstellt, wenn man Vorlagen und Anleitungen anbietet und wenn dazu Kurse abgehalten werden? Ein Zentangle Kit mit Basismaterialien (Papiere, Bleistifte, Anspitzer) kostet 49,00 Euro! (17.09. 2015)

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Hier eine Kritzelei aus meiner Produktion. Preis aus Anfrage. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Kirscheln

Das Jugendwort des Jahres 2015 ist eine hübsche Metapher: Zwei Personen kirscheln, wenn sie wie Kirschen zusammenhängen (vergleichbar: turteln). Gehört oder gelesen habe ich das Wort noch nie, allerdings verkehre ich auch selten in Jugendkreisen. Es ist auch nicht gesichert, dass nur Jugendliche mit der vorgegebenen Liste abstimmen. „Kirscheln“ hat es nur durch eine Manipulation geschafft, denn eigentlich war der Ausdruck „Alpha Kevin“ auf Platz 1, er steht für den Dümmsten in einer Gruppe, und war den Initiatoren zu inkorrekt und diskriminierend. Aber dann kann der Verlag Langenscheidt den Wettbewerb abblasen, denn der Reiz von Subsprachen liegt ja oft darin, dass sie nicht politisch korrekt sind: Spasti, Restefick (für eine Ü-30 Party), Frischfleisch (für Erstsemester-Studentinnen), Abtörngirl und viele mehr. (14.09.2015)

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Zuckertütchen

Tütchen, Sticks und Tetraeder mit Portionszucker sind Werbeträger und begehrte Sammlerobjekte. Viele sind mit hübschen Bildchen verziert, es gibt ganze Serien. (12.09.2015)

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Aus meiner Zuckertütchen-Sammlung, die ich Gästen in einem Körbchen anbiete, um Weltläufigkeit zu demonstrieren. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Replikationen

Wissenschaftliche Untersuchungen müssen so durchgeführt und dokumentiert werden, dass man sie jederzeit wiederholen kann. Aber Replikationsstudien sind rar, denn sie bringen den Wissenschaftlern wenig Renommee, sie versuchen lieber neuen Ideen Karriere zu machen, statt alte Rezepte nach zu kochen.

In einem Großprojekt haben Forscher jetzt 100 Studien aus hochkarätigen psychologischen Fachzeitschriften reproduziert. Das Ergebnis: Nur 36% der Befunde konnten bestätigt werden, vor allem überraschende Befunde waren nicht zuverlässig (reliabel).

Was sagt das über den Wissenschaftsbetrieb aus? Zunächst kann man Betrug in diesem Ausmaß ausschließen, obwohl immer wieder gefälschte Studien auftauchen. Jede Studie ist auch von Zufällen abhängig, von der Art der Durchführung (Versuchsleitereffekte) oder von der Zusammensetzung und Größe der Stichprobe. Manche psychologischen Variablen sind auch intraindividuell nicht stabil. Und dann herrscht Druck auf den Forschern, sich mit Publikationen einen Namen zu machen und das geht vor allem mit unerwarteten spektakulären Ergebnissen. Unterhalb der Schwelle zum Betrug gibt es Möglichkeiten der Bereinigung von Daten, der Anpassung von Hypothesen, der Interpretation von Ergebnissen. Jeder, der schon einmal im Wissenschaftsbetrieb mitgemischt hat, kennt diese Tricks. Wer monatelang Daten erhebt und viele Fördermittel einsetzt, der möchte danach nicht mit leeren Händen da stehen.

Deshalb sollte man sich davor hüten, die Psychologie an den Pranger zu stellen. Ein weiteres Projekt überprüft jetzt 50 Studien zur Krebsbiologie, auf die Befunde darf man gespannt sein. Man erinnert sich an die 94 Publikationen mit gefälschten Daten von Friedhelm Herrmann und seinem produktiven Team. (11.09.2015)

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