Author Archive | SP Ballstaedt

Hinrichtungsvideo

Dass Menschen der Kopf abgeschlagen wird, gehört zur Ikonografie vieler Actionfilme (Kill Bill). Als Hussein gehenkt wurde, gab es aber Bedenken, derartige Bilder in unsere Fernsehzimmer zu lassen. Aber auf Youtube wurde das Video über 14 Millionen Mal angeklickt. So wird auch das Video von der Enthauptung des US-Kriegsjournalist Foley sein Publikum finden. Ebenso wie die Folterfotos aus Abu-Ghuraib. Susan Sonntag hat in ein Buch mit dem Titel „Das Leiden anderer betrachten“ geschrieben. Zitat: „Anscheinend ist der Appetit auf Bilder, die Schmerzen leidende Leiber zeigen, fast so stark wie das Verlangen nach Bildern, auf denen nackte Leiber zu sehen sind. In der christlichen Kunst boten Höllendarstellungen jahrhundertelang eine Möglichkeit, die beiden elementaren Bedürfnisse zu befriedigen.“ (50). „Für viele Menschen in den meisten modernen Kulturen sind Chaos und Blutvergießen heute eher unterhaltsam als schockierend.“ (29.08.2014)

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Der US-Journalist James Foley kurz vor der Enthauptung durch die Gruppe Islamischer Staat. Quelle: Internet

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Denktipp

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Verbleichendes Graffito an einer Betonmauer der Haußerstraße in Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt (28.08.2014)

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Zigeunerwurst

Das Zigeunerschnitzel ist von den Speisekarten verschwunden und zum Paprikaschnitzel mutiert, aber meine geschätzte Zigeunerwurst (mit Chili!) einer schwarzwälder Metzgerei gibt es noch: mit Sombrero und Kaktus auf der Pelle! Sie gehören zur typischen Ikonografie von Mexiko, aber ich assoziiere dabei nicht Sinti und Roma. Aber meine Tsiganologie-Recherchen haben ergeben: Es leben „Gitanos“ in Mexiko. Es gab zwei Einwanderungswellen vor allem aus Ungarn, eine um 1890, eine von 1918 bis 1939. Die Gruppen der Roma und Ludar sind auch in Mexiko diskriminiert, man begegnet ihnen mit Misstrauen. Sie schlagen sich als Textilhändler und Künstler durch. Was eine Wurst doch für einen Erkenntnisgewinn bringen kann! (26.08.2014).

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Keine political correctness an der Wursttheke: Foto: St.-P. Ballstaedt

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Kontaminationen

Ich hatte mir etwas darauf eingebildet, ein Verb zu benutzen, das es offiziell, d. h. im Duden, gar nicht gibt: schnürksen (29.06.2014). Jetzt habe ich in einem Büchlein mit dem Titel „Wörter, die es vermutlich nie in den Duden schaffen werden“ andere Fälle gefunden: z. B. das Verb „schnieseln“ für eine bestimmten Niederschlag. Oder „knuscheln“ für eine Mischung aus Kuscheln und Schmusen. Das sind Verschmelzungen aus zwei Wörtern wie z. B. Brunch oder Motel (linguistisch: Kontaminationen). Meinem lautmalerischen Neologismus „schnürksen“ kommt „zisseln“ am nächsten, das bedeutet jemanden wach rütteln. (25.08.2014)

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Liebeszeichen

Gern haben sie es in alle Rinden eingeschnitten und in Mauern gekratzt. Verliebte haben offenbar den Drang, ihre Beziehung symbolisch zu veröffentlichen. Heute sind das vor allem die Liebesschlösser. Man kann kaum glauben, wie viel Liebe in der Welt ist, wenn man in Großstädten die Unmengen bunter Schlösser an den Brückengeländern sieht. Was ist die Motivation dahinter? Wohl allen Liebenden auf der Welt ist vorbewusst klar, dass Verliebtheit sich bald verflüchtigt. Ein Rest magischen Denkens wehrt sich dagegen und beschwört die ewige Liebe mit dem Symbol des Schlosses: „verlorn ist das sluzzelîn“. (23.08.2014)

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Liebesschlösser am Eisernen Steg in Frankfurt am Main. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Liebeszettelchen auf einer Wand am Balkon von Romeo und Julia in Verona: Foto: Florestan Ballstaedt

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Barttracht

„Das einzige, was er Männliches an sich hatte, konnte er des Wohlstands wegen nicht sehen lassen“, so Georg Christoph Lichtenberg. Statt „Wohlstand“ würden wir heute „Anstand“ sagen, ein schönes Beispiel für eine Begriffsverschiebung. Ein sekundäres Geschlechtsmerkmal wie der Bart ist starken Modeströmungen unterworfen. So ist jetzt plötzlich bei Männern wieder Bartwuchs modern, ja es herrscht ein regelrechter Bartzwang für Männer ab 20: „Einige hippe Szeneheinis waren zwar sexy, aber so arm, dass sie mehr und mehr verwahrlosten und schließlich aussahen wie Neandertaler“, so Michael Herl, die kolumnistische Rampensau der Frankfurter Rundschau. Der Vergleich mit den Neandertalern geht allerdings daneben, denn derzeit sind gepflegte und getrimmte Bärte in. Jetzt also wieder Mannsbilder, die ihr Geschlecht nicht in der Hose verbergen. (21.08.2014)

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Rekonstruktion eines Neandertalers mit ungetrimmtem Bartwuchs. Quelle: Stefan Scheer, Wikimedia Commons

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Visuelle Argumente

Dass Bilder in den Wissenschaften nicht nur illustratives Beiwerk sind, sondern als visuelle Argumente Erkenntnisse generieren, ist mit zahlreichen Studien belegt. Visualisierungen können ein Mittel der Erkenntnis sein, man denke an Luftbildarchäologie, Computertomografie, visuelle Geschichte. (Lektüretipp: Der Aufsatz von Nicola Mössner (2013): Können Bilder Argumente sein?)

Dazu ein interessanter Streitfall aus der Biologie, der jetzt ein Ende gefunden hat. Der Stammzellenforscher Thomas Skutella hat einen Aufsatz in „Nature“ aus dem Jahr 2008 zurückgezogen, nachdem vor allem die Bilder von Kollegen kritisiert wurden. Markus Kühbacher vom Berliner Helmholtzzentrum. “Ich habe elektrophoretisch aufgetrennte Banden identifiziert, die mittels Bildverarbeitung manipuliert worden sind – so, dass man sagen muss, dass sie letztendlich gefälscht worden sind.” Sie waren mit Photoshop bearbeitet, nach Skutella, um die Übersichtlichkeit zu verbessern. Die Gutachter mussten entscheiden, ob es sich tatsächlich um optische Verbesserungen oder um visuelle Manipulationen handelt. Die Grenzen sind allerdings fließend. (20.08.2014)

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Stammzellen oder keine Stammzellen? Quelle: http://www.biotechnologie.de

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Hundehäufen 1

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Da freut sich Herrchen/Frauchen über die gelungene Verdauung. Piktogramm aus Kroatien. Foto: Max Steinacher

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Hier wird die gelungene Verdauung kritischer gesehen. Piktogramm bei Heringsdorf auf Rügen. Foto: St.-P. Ballstaedt (17.08.2014)

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Lachgruppen

Jedes Jahr hat der Lehrkörper meines Ex-Studiengangs gemeinsam eine Weiterbildung besucht. Als alle harten Themen abgehakt waren (Modularisierung, Kreativitätstechniken, Notengebung, Lerncoaching) haben wir den Kurs „Warum Humor Lehre erfolgreicher macht“ belegt. Zum Thema hatte der Kursleiter nichts zu sagen, dafür brachte er eine Menge Lachübungen mit: Ohne Anlass sollten wir uns exzessivem Gelächter mit verschieden Silben hingeben: „ha, ha, ha; ho,ho, ho; hi, hi, hi.“ Und das mit vollem Körpereinsatz, mit Händeklatschen, Spottgesten, Schulterklopfen. Als Lockerung witzig, aber nach der zehnten Übung kamen wir uns doch reichlich bescheuert vor.

Heute lese ich in der Zeitung von Lach-Yoga-Kursen mit der Botschaft, dass Lachen ohne Grund für den Körper gesund sei, die Atmung wird verbessert und Stress abgebaut. Dass Lachen psychohygienisch heilsame Wirkungen entfaltet, bezweifle ich nicht, aber Lachen ohne Anlass? Haben wir so wenig zu Lachen? Zum Lachen will ich wenigstens einen deftigen Witz oder eine Peinlichkeit haben. Anlassloses Kuscheln habe ich schon als merkwürdig empfunden. Warum nicht anlassloses Weinen? Ist da noch eine Lücke auf dem Psychomarkt? Wichtiger Hinweis: Bei Harn- und Stuhlinkontinenz wird von Lach-Yoga abgeraten. (15.08.2014)

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Geschlechtsteile

Klassiker der erotisch-zotigen Kommunikation ist die Darstellung der Geschlechtsorgane auf Wänden, auf Bänken in Schulen und Hörsälen, auf Toiletten. Als sekundäres Geschlechtsmerkmal sind Brüste beliebt, meist XXL. Ich habe keine statistische Erhebung zu bieten, aber nach meiner Beobachtung nehmen diese Motive ab. Wenn sich jeder realistische Bilder aufs Smartphone holen kann, dann sind die naiven Kritzeleien weder provozierend noch inspirierend. Früher waren Geschlechtsteile ein beliebtes Motiv für Graffiti. Michel de Montaigne sorgte sich 1587 in seinem Essay „Über einige Verse des Vergil“: „Welch schädliche Vorstellungen erwecken doch die maßlosen Gebilde, mit denen jugendliche Pagen alle Gänge und Treppenhäuser des königlichen Palastes bekritzeln. Von daher rührt die maßlose Verachtung, mit der die Frauen unserm natürlichen Gemächte begegnen.“ (14.08.2014)

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Gemächte-Kritzelei an einer Unterführung in Tübingen, Waldhäuser-Ost. Foto: St.-P. Ballstaedt

Nachtrag: Phallus-Darstellungen, die ich in den letzten Wochen gefunden habe.  (14.03.2015)
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