Author Archive | SP Ballstaedt

Lokaljournalismus

Der Lokaljournalist soll nicht nur mit den Themen, sondern auch mit der Sprache nahe bei seinen Lesern sein. Im schwäbischen Tagblatt habe ich einige Headlines gesammelt, die der schwäbischen Umgangssprache nachempfunden sind:

Im Suff Ehefrau angeschossen

20-Jähriger pinkelt in Kontoauszugsdrucker. Kurz vor Mitternacht erleichterte er sich in den Kartenschlitz.

 Sternhagelvoll: Vier Promille im Blut

16-Jähriger total besoffen zusammengebrochen.

Seniorin knallt im Suff mehrfach gegen die Leitplanke.

Besoffen Blödsinn betrieben

Verletzter Suffkopf randaliert mit 4,6 Promille.

Lollies-Konzert: Mann beim Pinkeln überfallen.

Die Hosen runtergelassen. Einen mutmaßlichen Exhibitionisten hat die Polizei am Sonntagmorgen geschnappt.

In den Schritt gegriffen. Ein Unbekannter hat am späten Samstagabend eine Fußgängerin in Waldhäuser-Ost…

Hier wurde dem Volk aufs Maul geschaut und deftig formuliert, was nachts auf Tübingens Straßen so abgeht.  (14.12.2014)

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Hasenfallen

Wörter sind die Stellvertreter für Begriffe, wir benutzen sie, um unsere Gedanken mitzuteilen, die sonst in den Windungen unseres Großhirns vorborgen blieben. Welcher Begriff und damit welche Bedeutung genau hinter einem Wort steht, bleibt unklar, eine (denotative) Kernbedeutung teilen wir innerhalb einer Sprachgemeinschaft, aber die (konnotativen) Nebenbedeutungen können erheblich voneinander abweichen. Welchen Sinn wir den Wörtern entnehmen, ist vom Sprechenden oder Schreibenden nur begrenzt steuerbar. Verstehen ist daher immer störanfällig oder fallibel, wie das Gerold Ungeheuer genannt hat.

Der chinesische Philosoph Zhuangzi (etwa 365 -290 v. Chr.) hat das bereits in folgenden Sätzen ausgedrückt: „Hasenfallen gebraucht man, um Hasen zu fangen. Wenn man die Hasen gefangen hat, kann man die Fallen vergessen.
Wörter gibt es wegen der Bedeutung. Wenn man auf das gekommen ist, worauf die Wörter deuten bzw. den Sinn erfasst hat und damit zufrieden ist – kann man die Wörter vergessen.“

外物: 
荃者所以在魚,得魚而忘荃;蹄者所以在兔,得兔而忘蹄;言者所以在意,
得意而忘言。吾安得忘言之人而與之言哉?

Wörter sind nur Stellvertreter, ist man mit einer erschlossenen Bedeutung zufrieden, endet die Interpretation! Die Wörter haben ihre Aufgabe erfüllt. (11.12.2014)

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Totenköpfe

Es ist sonderbar, dass sich ein drastisches Zeichen wie ein Totenschädel mit gekreuzten Oberschenkelknochen über die Zeiten als Warnpiktogramm vor Lebensgefahr gehalten hat. Ursprünglich als Zeichen der Vergänglichkeit tauchen realistische Schädelabbildungen als Pesttafeln an Hauswänden und an Stadteingängen auf. Auf der Piratenflagge des Freibeuters Edward England ist der Schädel schematisierter, aber grinst frech und fröhlich. Die Darstellung wird zunehmend schematischer und karikaturhafter z. B. als Warnung vor Giften in der Chemie. Die modernste Version ist zahnlos und sieht eher wie ein Tierschädel aus. (10.12.2014)

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Pesttafel aus Augsburg (1607 – 1635). – Die Flagge des Freibeuters Edward England (1717). – Das Gefahrenpiktogramm für giftige Substanzen nach der Richtlinie 67/548/EWG vom European Chemicals Bureau. – Piktogramm für akute Vergiftungsgefahr seit 2010 nach der Regulation on Classification, Labelling and Packaging of Substances and Mixtures (CLP). Quelle: Wikimedia Commons

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Unterwegs

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Etwas holprige Botschaft an einer Tübingen Betonwand in der Altstadt. Foto: St.-P. Ballstaedt (08.12.2014)

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Old Shoe

In der Filmsatire „Wag the Dog“ von Barry Levinson mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro (1997) wird von sexuellen Übergriffen des amerikanischen Präsidenten auf eine Schülerin abgelenkt, indem seine angeheuerten PR-Spezialisten für die Medien einen fiktiven Krieg mit Albanien erfinden. Unter anderem wird eine Solidaritätskampagne für einen angeblichen Kriegshelden angezettelt, der „discarded like an old shoe“ hinter den feindlichen Linien zurückgeblieben ist: Mit den Senkeln zusammengebundene Schuhe werden von Sympathisanten über Oberleitungen geschleudert. In Tübingen hat man das nachgemacht (06.12.2014).

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Schuhpaare an über den Oberleitungen in der Nauklerstraße in Tübingen. Zur Vergrößerung ins Bild klicken. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Komplementarität

Eines meiner Spezialthemen ist die Text-Bild-Komplementarität. Bild und Text ergänzen sich zu einer gemeinsamen Botschaft. Ein Beispiel für Text-Bild-Komplementarität zeigt die Kondom-Werbung auf Postkarten von Billy Boy.

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Eine kleine intellektuelle Leistung: Integration von Text und Bild zu einer gemeinsamen Botschaft. (05.12. 2014)

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Gartenzierde

An der B 27 vor Tübingen findet jeder eine Plastik oder Skulptur für seinen Garten. Früher Terrakotta, heute auch gern Weißbeton oder Kunstharz, die Auswahl an sonderbaren Gestalten ist unglaublich und überall aus der Welt zusammengesucht. Die Mischung aus antiken Kunstrepliken und modernem Kitsch führt zu unerwarteten Kombinationen und Assoziationen. Eine Foto-Galerie dazu habe ich angelegt. (02.12.2014)

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Für jeden Geschmack etwas für den Gartenfreund. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Eigentlich

Das Lieblingswort aller Prokrastinierer und Zauderer: „Eigentlich wollte ich heute….. „ Das Wort hat eine sonderbare Etymologie. Aus dem Althochdeutschen kommt „eigan = eigen“ in der Bedeutung „zum Besitz gehörend“ mit der Bedeutungsverschiebung „für eine Person charakteristisch“ im abwertenden Sinn von „eigenartig“ oder „seltsam“. Mittelhochdeutsch noch „eigentlich“ ohne den dentalen Gleitlaut zwischen den beiden Morphemen (der auch heute manchmal weggelassen wird). In der Mystik des 14. Jahrhunderts bekommt „eigentlich“ eine theologische Bedeutung im Sinne von „in Wirklichkeit“ oder „das Wesen einer Sache“. Heute existieren etliche Gebrauchskontexte des Wortes nebeneinander. „Eigentlich“ ist eigentlich ein attributives Adjektiv: „Die eigentliche Attraktion war ein gigantisches Feuerwerk.“ Das Wort wird aber auch als Abtönpartikel oder adverbial verwendet. „Der Wal ist eigentlich kein Fisch.“ oder „Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn eigentlich liebte“. Die Bedeutung ist schwer zu fassen, es wird aber immer eine Differenz oder psychologisch eine Ambivalenz ausgedrückt: „Eigentlich bin ich ein hilfsbereiter Mensch, aber in diesem Fall…“ (30.12.2014)

wie-laeufts-eigentlich-mit-deiner-diaet

Quelle: http://echtlustig.com/22765/wie-laeufts-eigentlich-mit-deiner-diaet

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Taxidermie

Tiere als Dekoration für die Wohnung sind in zahlreichen Formen verbreitet: Bilder, Keramiken, Tapeten usw. Im Umkreis von meinem Schreibtisch hausen zwei Eulen, drei Frösche, ein Huhn, eine Schnecke und eine Eidechse. Ein etwas befremdliche Variante sind ausgestopfte Tiere, mit denen als Jagdtrophäen vor allem Repräsentationsräume dekoriert wurden. Die totale Domestizierung des Wildes, Symbole der Herrschaft über die Kreatur. Taxidermie heißt die Kunst, Tiere auf diese Weise zu konservieren. Sie stammt aus dem 18. Jahrhundert. Dazu kann ich ein Buch empfehlen: Alexis Turner: Ausgestopft. Die Kunst der Taxidermie. Brandstätter Verlag, 2013. Wer Sinn für das Skurrile und Bizarre hat, der sollte sogenannte taxidermy fails im Internet ansehen. (26.11.2014)

Taxidermie    Bebenhausen-Baer

Eine typische Jägerstube aus dem Engel in Tennenbach, man speist unter präparierten Schädeln. Und ein ausgestopfter Bär im Dormitorium im Schloss Bebenhausen. Foto: Rainer Halama, Wikimedia Commons.

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Zoologie

Sigwartstr.1 Sigwart 3

Der Eingang zur Zoologischen Schausammlung der Universität Tübingen in der Sigwartstraße 3 ist mit einem Auftragsgrafitto umrahmt, das ein Könner gesprayt hat. Erstaunlicherweise ist es seit vielen Jahren noch nicht durch Dilettanten übermalt worden, deren Kreativität sich im Drücken des Knopfs der Spraydose erschöpft. Fotos: St.- P. Ballstaedt (22.11.2014).

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