Tübingen wird derzeit verklebt, noch nie habe ich so viele Aufkleber an Geländern und Masten gesehen. Die Hauptthemen: Refugees, Cannabis, Tierversuche, Anti-Faschismus, Burschenschaften, Jesus (dazu kommen unzählige Werbeaufkleber). Aufkleber sind eine Möglichkeit, diskret und unerkannt Gesinnung zu demonstrieren. Foto: St.-P. Ballstaedt (30.11.2015)
Author Archive | SP Ballstaedt
Politplakate
Bei meinem Besuchen in der Schweiz fallen mir immer mal wieder politische Plakate auf, meist von der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Ich erfreche mich natürlich nicht, die Politik unseres Nachbarn zu kommentieren, sondern will auf die Ästhetik der Plakate aufmerksam machen. Zwei Beispiele:
Das Plakat zur Volksinitiative für die „Ausschaffung krimineller Ausländer“: Auf einer roten Fläche mit Schweizer Kreuz (Flagge?) stehen drei weiße Schafe, von denen eines ein schwarzes Schaf aus dem roten Bereich hinaustritt. Die verbale Botschaft: Sicherheit schaffen.
Das Anti-Minarett-Plakat zeigt eine Muslima im schwarzen Niqab, neben der wieder auf Schweizer Boden schwarze Minarette wie Raketen aufragen. Die verbale Botschaft: Stopp: Ja zum Minarettverbot.
Die Darstellungen sind stereotyp, flächig, holzschnittartig und visualisieren damit perfekt die politische Botschaft. Die Plakate fallen ins Auge: Es dominieren Schwarz und vor allem Signalrot, das wirkt bedrohlich.
Wer hat`s erfunden? Kein Schweizer, sondern ein gebürtiger Hamburger, der mit GOAL eine Agentur für Werbung und PR in der Schweiz betreibt. Seine Plakatmotive haben bei Nationalisten vieler Ländern Anklang gefunden und werden plagiiert. In Gelsenkirchen habe ich das Minarett-Verbot auch als Aufkleber gefunden. Es gibt aber auch viele hübsche Plakatverhunzungen im Web. (29.11.2015)
Das Prinzip von Werbefachmann Alexander Segert: „Keep it simple and stupid“. Das gelingt ihm gut!
Marienbad
1961 hatte der Film „L’ Année dernière à Marienbad“ Premiere, Regie Alain Resnais, Drehbuch Alain Robbe-Grillet. Bis heute ein Film, an dem sich Interpreten abarbeiten können, da er Wirklichkeit, Traum und Erinnerung so virtuos vermischt, dass immer zahlreiche Deutungen möglich sind.
Die Kunsthalle Bremen zeigt eine Ausstellung „Letztes Jahr in Marienbad: Ein Film als Kunstwerk.“ Die Ausstellung geht der Bedeutung dieses Films für die Ästhetik der Nouvelle Vague nach. An einer Wand sind die Filmplakate gehängt und auf den ersten Blick fällt auf, wie unterschiedlich sie sind. Jeder Grafiker hat seine Interpretation umgesetzt: vom Liebesfilm über Traumszenarien bis zum Horrorstreifen. (25.11.2015)
Ein offenes Kunstwerk mit vielen Interpretationen, die sich auch in den Filmplakaten spiegeln. Foto: Wolfgang Scherer
Angelhaken
Ein Fisch, der an den Angelhaken gelockt wird, ist ein Motiv, das gern im Marketing als Visualisierung für die Kundenakquise verwendet wird. Aber was es auf dem Lissaboner Pflaster zu suchen hat, bleibt ein Geheimnis. (23.11.2015)
Zeichenhunter Max fotografiert in Lissabon (Belem an der Strandstraße) ein semiotisches Objekt. Foto: Max Steinacher
Schläfer und Gefährder
Unsichere Zeiten. Nach dem 11.9. 2001 gab es die Angst vor Schläfern, ausländischen Terroristen, die unerkannt als normale Person unter uns leben und erst auf Befehl ihrer Organisation (damals Al–Qaida) aktiv werden. Nach den Terroranschlägen in Paris kommt keine Nachricht und kein Kommentar ohne das Wort „Gefährder“ aus. Ich kannte es noch nicht, es ist auch nicht im Duden zu finden, aber offensichtlich seit 2004 gebräuchlich. Es bezeichnet Personen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie erhebliche Straftaten begehen könnten. Die Polizei kann bei solchen Personen eine Gefährderansprache durchführen, um Straftaten zu vermeiden. (22.11.2015)
First communication helper
Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat eine „bildbasierte Verständigungshilfe“ (als PDF) zur Kommunikation mit Flüchtlingen entwickelt und zur Verfügung gestellt. In Kategorien wie Kleidung, Nahrung, Gesundheit sortiert, findet man auf zwei DIN-A-Blättern kleine Strichzeichnungen, auf die man zeigen kann, um seine Bedürfnisse auszudrücken. Die Bildchen wären einmal eine Analyse wert, da sie ja bestimmte Situationen und Bedürfnisse antizipieren. Sind die Bildchen interkulturell verständlich? Decken sie die wichtigsten Kommunikationsprobleme ab? Wie kommen die Helfer vor Ort damit klar?
Es gibt vergleichbare Bildserien, z. B. für den Umgang mit aphasischen Patienten oder für sprachunkundige Touristen (Point it!. Traveller`s language kit). Im Prinzip gehören auch die Piktogramme auf öffentlichen Plätzen zu den bildbasierten Verständigungshilfen. (19.11.2015)
Wie weit kann bildliche Kommunikation die Sprache ersetzen? Durch Anklicken vergrößern. Quelle: Der PARITÄTISCHE Gesamtverband
mach`s mit
Die Jesusfreaks sind in Tübingen sehr aktiv und bekleben jeden Mast und jeden Pfosten. Fotos: St.-P. Ballstaedt (16.11.2015)
Friedenszeichen
Schon kurz nach den Terroranschlägen in Paris klebte ein Friedenszeichen an Tübinger Mauern: eine bildliche Kontamination aus dem Peace-Symbol mit einem schematischen Eiffelturm. Das CND-Zeichen (Campaign for Nuclear Disarmament) wurde 1958 vom britischen Grafiker Gerald Holtom im Auftrag der britischen Kampagne zur nuklearen Abrüstung entworfen. Er ließ sich dabei von Zeichen aus dem Winkeralphabet inspirieren und schematisierte die Positionen für das N (nuclear) und das D (disarmament).
Das Winkeralphabet mit Flaggen in der Hand dient zur optischen Nachrichtenübermittlung zwischen Schiffen oder an Land. Mit der Entwicklung des Sprechfunks verlor es an Bedeutung, wird jedoch noch heute auf See vor allem militärisch genutzt, da es nicht abhörbar ist. (15.11.2015)
Flüchtig gemalt: Das N, das D und der Eiffelturm: Frieden für Paris. Quelle: Wikimedia Commons, © Twitter Screenshot @jean_jullien
Nachtrag: Ich habe gestern nur die Entstehung des Zeichens „Peace for Paris“ beschrieben, bemerkenswert ist aber die Verbreitung. Nachdem der französische Grafiker Jean Jullien über die Attentate im Radio gehört hatte, zeichnete er spontan das Zeichen mit Tinte und verschickte es über Twitter. Von dort verbreitete es sich über Facebook weiter, wurde ausgedruckt und in zahlreichen Kontexten gezeigt. (16.11.2015)
Smombie
Wie jedes Jahr wird von einer Jury des Langenscheidt-Verlags aus einer Liste von Einsendungen das Jugendwort des Jahres gekürt. Diesmal Smombie, eine Kontamination aus Smartphone und Zombie, die einen Menschen bezeichnet, der immer auf sein Smartphone glotzt und von der Umwelt nichts mitbekommt. Das ist ohne Zweifel eine witzige und treffende Bezeichnung, aber es bestehen Zweifel daran, dass das Wort tatsächlich unter Jugendlichen verbreitet ist. Im letzten Jahr war das Wort „kirscheln“ der Sieger, das vorher auch kaum jemand im passiven oder aktiven Wortschatz hatte. Zur Auswahl standen: merkeln; rumoxidieren; Earthporn; Smombie; bambus; Tinderella; Discopumper; Swaggetarier; Augentinnitus; shippen (14.11.2015)
Chinesische Weisheit
Jeder, der etwas Geistreiches über Bilder sagen möchte, zitiert die Sentenz: Ein Bild ist mehr wert als tausend Wörter. Angeblich handelt es sich um ein chinesisches Sprichwort. Als ich vor Jahren Chinesen unterrichtete, wollte ich mit der Kenntnis des Sprichwortes punkten, aber kein Chinese hatte es je gehört. Das machte mich misstrauisch und ich begann zu recherchieren. Wo kommt der Ausspruch her?
1. Nicht das Sprichwort, aber die Idee als Vorläufer findet man bereits 1862 in Turgenev Roman „Vater und Söhne“: The drawing shows me at one glance what might be spread over ten pages in an book“.
2. Das Sprichwort ist eine Erfindung des amerikanischen Werbefachmanns Frederick R. Barnard. In der Fachzeitschrift Printers´ Ink schrieb er 1921 „One look is worth a thousand words“, um für Bildreklame auf Straßenbahnen zu werben. Der Satz stammt angeblich von einem berühmten japanischen Philosophen. 1927 gestaltet er eine weitere Anzeige zu Backpulver, die das Sprichwort von tausend auf zehntausend Wörter erweitert und jetzt als chinesische Weisheit ausgegeben wird. Später wird Barnard in einem Buch über Sprichwörter mit dem Bekenntnis zitiert, dass er den Satz als asiatisches Sprichwort bezeichnet hat, damit er ernst genommen wird. Tatsächlich wird der Satz später sogar Konfuzius zugeschrieben.
3. Die Sentenz verbreitet sich in zahlreichen Abwandlungen und Kontexten. Im deutschen Sprachraum taucht der Satz „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ bereits 1926 als Titel eines Artikels von Peter Panter = Kurt Tucholsky in der Zeitschrift „Uhu“ auf. Er schreibt dort: „Ein Bild sagt mehr … Hunderttausend Worte wenden sich an den Verstand, an die Erfahrung, an die Bildung – das Bild …
»Was ihm die Schrift nicht sagen kann, das ist das G’mäl‘ für den g’meinen Mann.«
Wenn der alte treffliche Ferdinand Kürnberger die Entwicklung der modernen Illustrationspresse hätte voraussehen können, so hätte er wahrscheinlich nicht schlecht geflucht: er hielt diese Abkürzung der Beweisführung für Verflachung. Und weil ein Bild mehr sagt als hunderttausend Worte, so weiß jeder Propagandist die Wirkung des Tendenzbildes zu schätzen: von der Reklame bis zum politischen Plakat schlägt das Bild zu, boxt, pfeift, schießt in die Herzen und sagt, wenns gut ausgewählt ist, eine neue Wahrheit und immer nur eine. Es gibt Beschreibungen, die die Bilder übertreffen, aber das ist selten. Es gibt hunderttausend Fotografien, die den besten Schilderer übertreffen, das ist die Regel …“
Fazit: Kein chinesisches Sprichwort. Das bestätigt auch das Ostasieninstitut. (12.11.2015)
Werbung 1927: Die Geburt eines chinesischen Sprichworts. Beliebt und weise, aber nicht immer chinesisch. Quelle: University of Regina







