Visuelle Trouvaillen auf einer Wanderung durch den Schönbuch. Fotos: St.-P. Ballstaedt (19.11.2020)
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Ellipsen
In der Linguistik ist eine Ellipse (altgrch. = Auslassen) eine syntaktische Konstruktion, bei der ein Satzglied weggelassen wird, da es für den/die Adressaten aus dem Kontext ergänzt oder erschlossen werden kann. In der Alltagsprache sind Ellipsen eine ökonomische Sprachverwendung: „Benimm dich [gut]!“; „[Möchten Sie] sonst noch was?“; [Ich bitte Sie um] Entschuldigung!“.
Ellipsen können sich zu gängigen Phrasen verfestigen (Konventionalisierung): „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“; „Ende gut, alles gut.“ Einige derartige Phrasen sind besonders interessant. Das Verb „trinken“ ist transitiv, es verlangt nach einem Akkusativobjekt: „Er trinkt einen Kaffee.“ Lässt man ein Akkusativobjekt weg, dann ergibt sich ein andere Bedeutung: „Er trinkt“, natürlich nicht stilles Mineralwasser, sondern Alkohol. Er ist Alkoholiker bzw. Trinker. Ähnlich beim Verb „sitzen“. Wenn wir von jemandem sagen: „Er sitzt“, dann nicht auf einem Stuhl, sondern im Gefängnis. Er ist ein Krimineller. Die sozial unerwünschten Ergänzungen bleiben diskret unausgesprochen. (17.11.2020)
Black Panthers
Warum die beiden die Faust zeigen, bleibt unklar. Stencil, das ich in Freiburg/Br. an einem Verteilerkasten gefunden haben. Foto: St.-P. Ballstaedt (13.11.2020)
Authentische Zeugnisse
Was fällt an der Überschrift auf? Sie klingt wenig originell, denn diese Wortkombination hat man schon oft gelesen: Zeugnisse werden gern mit dem Adjektiv authentisch verbunden. Derartige geläufige Wortkombinationen oder gefestigte Gebrauchsmuster hat der Journalist Hans Hütt aus mehreren umfangreichen Sprachkorpora gefischt und kommentiert.
Hans Hütt: Wilde Jahre, kühne Träume. Sprache im Wandel der Zeit. Berlin: Dudenverlag, 2020
Behandelte Wortverbindungen sind z.B. allmähliche Einsicht, bewegte Bilder, digitale Aufrüstung, gescheiterte Existenz, kluger Kopf, massiver Druck, notwendiges Umdenken, vergessener Winkel. Derartige Phrasen sind beliebt, vor allem wenn es mit dem Schreiben schnell gehen muss, aber sie sind rhetorisch wenig originell. Die Adjektive verraten etwas über die Konnotationen des Substantives. Ein Beispiel, das ich von Hans Hütt übernehme (S. 12): Die Wörter Neigung, Talent, Gabe, Interesse sind bedeutungsähnlich. Aber Neigung wird mit den Attributen fatal, schädlich, sexuell, sadistisch, pädophil kombiniert. Gabe und Talent hingegen mit besonders, kostbar, hoffnungsvoll, vielversprechend, göttlich, einzigartig. Neigung hat also eine abwertende Konnotation, Gabe und Talent haben hingegen positive Konnotationen. Die Bedeutung von Interesse ist weitgehend neutral: Interessen sind groß, rege, öffentlich, berechtigt. Hans Hütt empfiehlt deshalb, in einem Lebenslauf nicht von persönlichen Neigungen zu sprechen, sondern von persönlichen Interessen. (09.11.2020)
Sensitivity
Trigger-Warnungen insbesondere vor Filmen sollen darauf vorbereiten, dass der Film Szenen enthält, die bei bestimmten Personen als Auslöser für Angst oder Panik wirken können, z. B. Darstellungen von Folter, Vergewaltigung, Suizid. Für Menschen mit psychischen Vorbelastungen kann das ein nützlicher präventiver Schutz sein.
Inzwischen haben sich Trigger-Warnungen aber ausgeweitet. So wird vor dem Filmklassiker „Vom Winde verweht“ in der deutschen Fassung eine Warnung vorangestellt, dass der Film rassistische Inhalte enthält, die bestimmte Zuschauer verstören könnten: Die Darstellung der Sklaverei ist in dem Film tatsächlich hochgradig problematisch, aber muss man davor warnen? In Amerika gab es bereits die Forderung, den Film nicht mehr zu zeigen, obwohl er ein zeitgeschichtliches Dokument der amerikanischen Mentalität darstellt.
Und es geht noch einen Schritt weiter. Ausgehend von amerikanischen Universitäten soll auch bei Literatur vor allen Inhalten gewarnt werden, die auf religiöse, sexuelle, ethnische Minderheiten oder Menschen mit Behinderung verletzend wirken könnte. Inzwischen gibt es den Sensitivity Reader als Beruf, der oder die Manuskripte mit dem Fokus lektoriert, ob in Wörtern und Sätzen diskriminierende Ausdruckweisen vorkommen. Dazu gehören auch sogenannte Mikroaggressionen, die zwar harmlos erscheinen, aber andere Personen indirekt abwerten, z.B. wenn ich zu einem Migranten sage „Sie sprechen ja gut deutsch. Woher kommen Sie eigentlich?“ Das Sensitivity Reading soll ausdrücklich keine Inhalte und Ausdrucksweisen verbieten, sondern nur dafür sensibilisieren, wie sie auf bestimmte Lesende wirken könnten. Der Autor bzw. die Autorin soll den Sprachgebrauch noch einmal überdenken.
Ich habe mir noch einmal die Romane durch den Kopf gehen lassen, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, ich glaube nicht ein Text würde das Sensitivity-Lektorat ohne Beanstandungen überstehen. Auch die Klassiker kämen wohl nicht ungeschoren davon.
Die Welt ist nicht so sauber, gerecht und vorurteilsfrei, wie wir sie uns vielleicht wünschen, aber müssen wir davor von Zensoren geschützt werden? In Amerika hat sich der Begriff „Generation Snowflake“ für Personen verbreitet, die überaus sensibel, emotional verletzlich, psychisch labil und wenig resilient gelten. Aber diese Bezeichnung soll natürlich wieder als diskriminierend, abwertend und beleidigend aus dem Sprachgebrauch verbannt werden. (08.11.2020)
Die Daltons
Und noch eine Grafitti-Fund in Freiburg im Breisgau: die Dalton-Bande als Blaskapelle. Es gibt übrigens den neuen Lucky-Luke-Band Nr. 99 „Fackeln im Baumwollfeld“ mit bemerkenswerter politischer Botschaft. Foto: St.-P. Ballstaedt (02.11.2020)
Chapeau, Charlie Hebdo
Eine Karikatur über den türkischen Präsidenten Erdogan ist ja noch blasphemischer als eine Karikatur des Propheten Mohamed! Es ist schon tollkühn, ein derartiges Titelbild zu veröffentlichen, nachdem schon einmal die halbe Redaktion ermordet wurde und derzeit Menschen erschossen, abgestochen und enthauptet werden, die bei den Islamisten Missfallen erregt haben.
Leider habe ich in Tübingen kein Exemplar Nr. 1475 auftreiben können und eine lizensfreie Reproduktion habe ich auch nicht gefunden, aber auf der Website https://charliehebdo.fr kann man sogar eine animierte Version der Karikatur anschauen. (30.10.2020)
In der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo war Erdogan dreimal der Coverboy. Dass er völlig humorfrei ist, das kann man schon an der Physiognomie erkennen. Foto: St.-P. Ballstaedt
Catcalling
Vor einigen Monaten habe ich einen Beitrag zum Upskirting geschrieben, dem strafbaren Fotografieren unter den Rock. Jetzt habe ich über eine neue Gesetzesinitiative gelesen, die das Catcalling unter Strafe stellen will. Darunter wird verstanden, wenn ein Mann einer Frau nachpfeifft oder eine sexistische Bemerkung nachruft, wie z.B. „Ein süßer Arsch“. Das wird analog zu körperlichen Belästigungen als verbale Belästigung eingestuft. Damit kein Missverständnis aufkommt, ich finde diese Verhaltensweisen nicht akzeptabel. Aber mir fällt mit soziologischem Blick doch auf, dass schlechte Manieren, Unhöflichkeiten, Unverschämtheiten und Ungezogenheiten zunehmend justiziabel werden. Der Prozess der Zivilisation im Sinne von Norbert Elias nimmt seinen Lauf mit der Regulation von Verhaltensweisen. Vielleicht wird bald das öffentliche Entweichen einer Blähung oder das unappetitliche Schmatzen beim Essen als Delikt behandelt. (29.10.2020)
Secret Walls
Die Halle des Stuttgarter Hauptbahnhofs, der Bonatz-Bau, ist derzeit leergeräumt und seine großen Wände dienen als Flächen für Bilder von Sprayern, entweder direkt auf die Mauer oder auf eine Leinwand gesprüht. Das Kunstmuseum Stuttgart hat die Gelegenheit des Umbaus für diese Ausstellung ergriffen. Wenn man die Tübinger Schmieranten gewohnt ist, die außer hässlichen Blockbuchstaben nichts zur Gestaltung der urbanen Umwelt beitragen, so bekommt man hier einen Eindruck von den verschiedenen Graffiti-Stilen und Ausdrucksmöglichkeiten. (27.10.2020)
Die meisten Künstler wollen weiter anonym bleiben, nur wenige haben ihre Werke signiert. Fotos: St.-P. Ballstaedt
Bilderrätsel 14
Was zeigt uns dieses Bild (zum Vergrößern anklicken)? Lösung im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (19.10.2020)











