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Currywurst gegen Falafel

Seit einigen Jahren aus dem Tübinger Stadtbild nicht mehr wegzudenken: Die mit Schablone gesprayten Sprüche, die den Genuss von urdeutscher Currywurst preisen. Die Sätze sind oft an dem Ort angepasst, auf am Haus einer Burschenschaft steht „Igitt! Currywurst mit Schmiss“ , vor einer Kneipe „Zu Rotwein Currywurst“. Der arabischen und vegetarischen Falafel wird als „Feind aller Currywurst“ der Kampf angesagt. Bereits 70 Anzeigen von Hausbesitzern liegen vor, aber immer neue Graffiti tauchen auf und der Urheber bleibt unentdeckt. (20.10.2015)

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Das militante Graffito ist schon älter, den Spruch über Falafel habe ich erst kürzlich entdeckt. Ein weiteres Beispiel in meinem Blog unter „Urbane Zeichen“. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Daumenkino

Im Schulunterricht habe ich oft in der oberen oder unteren Ecke eines Hefts über viele Seiten ein Daumenkino gezeichnet. Einfache Bewegungsabläufe, vornehmlich aus dem erotischen Themenbereich. Dieser Übergang zwischen Foto und Film nutzt den Stroboskopeffekt, um eine Abfolge von Einzelbildern durch Blättern in eine Bewegung zu verwandeln. Mit dem Daumenkinographen Volker Gerling wird diese Urform des Films zur Kleinkunst. Er fotografiert analog in 12 Sekunden mit 3 Bildern pro Sekunde und erhält so eine Sequenz von 36 Fotos. Diese werden zu einem Büchlein zusammengebunden. Seine Sujets: Bevorzugt Portraits von Menschen, die er als wandernder Schausteller trifft. Die Fotografierten wissen nicht, dass er nicht ein Foto, sondern eine Abfolge aufnimmt. So fängt er spontane Gesten und Minenspiele ein. Die Filmchen sind kurz und verlangen Aufmerksamkeit, aber der Betrachter kann mit dem Daumen die Zeit dehnen oder stauchen. Eine kleine Schule des Sehens. (19.10.2015)

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Als Erfinder des Daumenkinos nennen die Medienhistoriker den Franzosen Pierre Hubert Desvignes, als Geburtsjahr wird 1860 angenommen. Foto: Technische Sammlungen der Stadt Dresden, Wikimedia Commons

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Kirmesorgeln

Da wir mit dem letzten Beitrag gerade auf dem Jahrmarkt sind: Mechanische Musikautomaten für traditionelle Fahrgeschäfte wie Karusselle oder Schiffschaukeln sind weniger mit Bildern, sondern mit Ornamenten und Figuren dekoriert, auch farbenfroh, allerdings deutlich keuscher als die übliche Schausteller-Malerei. Die engelhaften Frauen und musizierenden Putten sind barocken Vorbildern nachgestaltet. (17.10.2015)

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Oben eine Jahrmarktsorgel der Gebrüder Bruder aus Waldkirch aus dem Jahr 1925 (Vergrößerung durch Anklicken). Quelle: LepoRello, Wikimedia Commons. Unten ein Musikwerk im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Schausteller-Malerei

Eine Form der Malerei, die wir alle kennen, die aber selten in ihrer speziellen Ästhetik gewürdigt wird, ist die Schausteller- oder auch Kirmesmalerei. Sie ist eine Unterform der Dekorations- oder Werbemalerei, die auf Verkaufswagen, Fahrgeschäften, Zirkuswagen usw. visuelle Aufmerksamkeit erregt. Oft in Airbrush-Technik, immer mit knalligen Farben und karikaturhaften Überzeichnungen. Eine Ähnlichkeit mit bestimmten Grafitti-Stilen ist unverkennbar. Es gibt etliche Ateliers mit Malern und Grafikern, die sich auf diese Form von Alltagskunst spezialisiert haben. Dort findet man auch schöne Galerien mit Beispielen, z.B. Jacek`s Malerei oder AtelierEK. (14.10.2015)

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Macht Appetit auf Ossi-Waffeln. Foto: Wolfgang Scherer. Flotte Frauen werben für ein Suspended Hochfahrgeschäft. Quelle: Jacek Mrozewic auf zwww.schausteller-malerei.de

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Diminutiv

Manchmal ist Sprache unfreiwillig komisch. So lese ich heute in der Südwestpresse, dass die 16. Vorlesung zum Gedenken an den Tübinger Psychoanalytiker Wolfgang Loch von Frau Elfriede Löchel gehalten wird. Thema: Triebe und Objekte. Frau Löchel ist Professorin für Theoretische Psychoanalyse, Psychoanalytische Subjekt- und Kulturtheorie an der International Psychoanalytic University in Berlin. Das Wort Löchel gibt es nur als Eigenname, der korrekte Diminutiv lautet Löchlein. (13.10.2015)

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Crossing

Dass ich ein Faible für Streetart und visuelle Kommunikation im öffentliche Raum habe, belegen meine Fotos in diesem Blog. Graue Wände und triste Ecken werden durch ein Piece oder Character ästhetisch durchaus aufgewertet. Was mich ärgert, sind die vielen Dilettanten, die unterwegs sind und nur hässliche Tags hinterlassen und gelungene Graffiti übersprühen. Das sogenannte Crossing ist bei den begrenzten Flächen nicht unüblich, aber oft ist es nur provokative Zerstörung. (12.10.2015)

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So sehen viele Betonwände in Tübinger Unterführungen aus. Unter den Schmierereien verbergen sich oft anspruchsvolle Graffiti. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Vegane Fleischwurst

Kein Wort gegen Vegetarier oder gegen Veganer, jeder soll das essen, was ihm gesundheitlich gut tut und ein reines Gewissen verschafft. Aber das Faken von Fleischprodukten finde ich reichlich albern: Gulasch aus Soja, vegane Schnitzel und Braten, die wie ein Fleischstück geformt werden, vegetarische Hacksteaks oder eine vegane Fleischwurst, in der sich kein totes Tier befindet. Könnte man sich für neue Produkte mit Tofu, Soja, Eiweiß, Grünkern usw. nicht auch neue Benennungen einfallen lassen, statt falsche Assoziationen anzuregen?

Zur Etymologie: „Wurst“ als in Därmen gefülltes Würzfleisch kommt im 11. Jh. auf, die Herkunft ist ungewiss, vermutlich von indogermanisch „urtsti“ = Gedrehtes. – Ein Schnitzel ist ursprünglich ein Teilstück von einem Ganzen, erst Mitte des 19. Jh. bekommt es die Bedeutung einer herausgeschnittenen Fleischscheibe. – Gulasch kommt aus dem Ungarischen von „gulyas“ = Rinderhirt und bezeichnet ein scharf gewürztes Fleischgericht. – Braten kommt aus dem althochdeutschen „brato“ und bedeutet „essbares Fleisch“, aber es hat nichts mit dem Verb „braten“ zu tun, das eine spezielle Garmethode bezeichnet. Das Verb hat eine indogermanische Wurzel, auf die auch „brennen“ und „Brot“ zurückgehen. Eine Bratwurst ist eine Wurst, die gebraten wird! (11.10.2015)

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Neu im Angebot: vegane Fleischwurst aus Weizeneiweiß und- stärke, Sojaeiweiß, Guarkenmehl und diversen Gewürzen. Vorsicht: Kann Spuren von Sellerie enthalten. Quelle: http://vegan-tagein-tagaus.blogspot.de

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Verifikation

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Ähnliche Vorlagen werden auch in der Kognitionspsychologie benutzt. Dabei muss nach der Präsentation schnell entschieden werden, ob Text und Bild übereinstimmen. Gemessen wird die Reaktionsgeschwindigkeit (Verifikationsaufgabe). Stände unter dem Bild „Apfel“ wäre die Reaktionszeit kurz, bei „Obst“ oder „Frucht“ wäre sie messbar länger. Foto: St.-P. Ballstaedt (08.10.2015)

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Duldungsstarre

Dies ist mein Lieblingswort des Oktober 2015. Wann das Wort aufgekommen ist, konnte ich nicht herausbekommen, in der Biologie wird auch von Duldungsreflex gesprochen. Weibliche Säugetiere dulden die Belegung durch das männliche Tier, indem sie „in einer für die Penetration günstigen Stellung verharren und das Aufspringen des Partners zulassen (Sägebockstellung, Drehen der Ohren nach hinten, Halten des Schweifes zur Seite, Präsentieren der Vulva“ (Wikipedia). Ausgelöst wird der Reflex durch Pheromone des männlichen Tiers. Angeblich wird daran geforscht, ein derartiges Pheromon auch für den zwischenmenschlichen Bereich zu entwickeln. Na dann viel Vergnügen. (05.10.2015)

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Duldungsstarre der Sau, der Eber bleibt munter. Quelle: Pleple2000, Wikimedia Commons

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DDR-Sprache

Zum Tag der deutschen Einheit in allen Zeitungen ein Thema: Was für Unterschiede gibt es noch zwischen den alten und den neuen Bundesländern? Was die Sprache betrifft, so war die Zeit der DDR ein linguistisches Laboratorium: Es bildeten sich schnell neue Wörter für neue Lebensverhältnisse: Aufbettung, Sättigungsbeilage, Reisekader, Frauenruheraum, Ausreiseantrag, Wendehals.

Etliche Wörter dienten der Abgrenzung gegenüber dem Westen: Männertag (für Vatertag), Grilletta (für Hamburger), Krusta (Pizzaersatz), Jahresendprämie (statt Weihnachtsgeld). Die oft verspotteten Jahresendflügelpuppen hat es aber im Sprachgebrauch nicht gegeben, sie sind eine satirische Erfindung.

Einige Wörter wurden auch von den russischen Freunden entlehnt: Datscha, Kosmonaut, Kolchose, Dispatcher (eine englisches Fremdwort im Russischen).

Interessant ist das Schicksal der DDR-Wörter nach der Wende: In den Westen hat es keines geschafft. Im Web findet man zahlreiche Ossi-Wörterbücher, oft nur Sammlungen ohne sprachwissenschaftlichen Anspruch. Eine gute Übersicht bietet der Wikipedia-Artikel über Sprachgebrauch in der DDR. (03.10.2015)

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