Gut vorbereitet

Gern spieße ich helvetische Besonderheiten auf. Diesmal habe ich in einem Automaten auf dem Bahnsteig in St. Margarethen folgendes Angebot entdeckt: nebeneinander links Partysticks, rechts Präservative und in der Mitte ein Schwangerschaftstest. (14.09.2016)

automatenangebot

Praktisches Automatenangebot in der Schweiz. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Historischer Humor 5

In einer Witzsammlung von Otho Melander aus dem Jahr 1617 kann man folgenden Witz lesen:

Von einem Artzt

Ein Artzt zoge von Rhom gen Athen / unnd wolt daselbsten die Griechische Sprach lernen. Da er nu die Grammatic durchlesen / und ein wenig Fundament darinn geleget hatte/ fieng er an Homerum zulesen / welcher dann viel vom Trojanischen Krieg geschrieben /sagt endlich: Da Achilles so hoch zu rühmen ist /weil er tappferlich für die Griechen gestritten / unnd viel umbs Leben bracht hat /wieviel mehr wird mich dann Griechenland preissen / in dem mein Kunst noch etwas grössers hinder sich hat /dann ich brauch nicht Wehr und Waffen /sondern schöne Kreuter /Wurtzeln unnd dergleichen /damit schick ich mehr Leuth auff den Kirchhof und unter die Erden /als Achilles jemals mit seinen Waffen erwürget hat.

Dass Ärzte ihre Patienten unter die Erde bringen, ist ein uraltes Witzmotiv, aber diese alte Variante wirkt auf uns nicht witzig, der Witz ist narrativ langatmig, es fehlt die zündende Pointe. Eine zweite Variante des Witzmotivs stammt aus den Fliegenden Blättern 1920:

Ausgerottet

„Hatten Sie nicht früher eine zahlreiche Verwandtschaft?“ – „Ja, aber vor einigen Jahren hat doch ein junger Arzt in unsere Familie geheiratet….“

Während beim Witz von 1617 das Verstehen explizit sprachlich angeleitet wird, bleibt beim Witz von 1920 viel implizit und muss zum Verstehen erschlossen werden. Und es geht noch knapper bei Otto, in der Presse gern als Blödelbarde bezeichnet:

„Schwester! – Zange! – Tupfer !– Sterbeurkunde!“

Das Witzmotiv zeigt eine Tendenz zur Verkürzung, wohl weil der Verständnishorizont der Adressaten das zulässt. Witze folgen zunehmend einem Ökonomieprinzip: Mit möglichst wenig Sprache soll kognitiv viel bewirkt werden. (09.09.2016)

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Bekenntnis

Grafitto

„Gott sei Dank bin ich Atheist“. Graffito an einer Wand in Cuenca in Spanien. Foto: Max Steinacher. (07.09.2016)

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Weintrinker

Dieser Sinnspruch steht an einer Weinhandlung in Karlsruhe. Er stammt vom britischen Weinkritiker Hugh Johnson, der seit 1971 den „World Atlas of Wine“ herausgibt und in Deutschland durch seinen Weinführer „Der kleine Johnson“ bekannt ist, der jedfes Jahr neu erscheint. (06.09.2016)

Weintrinker  Hugh_Johnson

Eine Weisheit von Hugh Johnson, der auf dem Foto bei einer Weinverkostung zu sehen ist. Foto: St.-P. Ballstaedt; Dhaser, Wikimedia Commons

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Wandästhetik 3

Wanaesthetik

Beliebte Flächen für Sprayer sind die Internet-Verteilerkästen, hier ein Beispiel aus dem Stadtteil Tübingen-Wanne. Foto: St.-P. Ballstaedt (05.09.2016)

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Schlamassel

Heute starte ich gleich mit meinem Wort des Monats September: Schlamassel. Es ist zwar nicht lautmalerisch, klingt aber irgendwie doch wie seine Bedeutung. Man ahnt schon, dass das Wort aus dem Jiddischen stammt: Es ist eine Verneinung des Wort Massel (urspr. mazel = Glücksstern) und bedeutet „Unglück, Missgeschick, verfahrene Situation, Verwirrung“. Ob das verneinende Morphem „schla“ aus dem Wort „schlimm“ abgeleitet ist, bleibt zweifelhaft. Mit einer Schlammmasse oder Assel hat die Wortbildung aber nichts zu tun, auch wenn einige Bedeutungsvarianten das nahelegen: „in einer schwierigen Situation stecken“. (01.09.2016)

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Fotoalben

Fotos sind Wahrnehmungserinnerungen, aber ihnen kann man nur bedingt trauen, auch wenn die reflektierten Strahlen auf der lichtempfindlichen Schicht ein Abbild der Wirklichkeit konservieren.

Der Fotograf kann zwar seine Motive wählen, aber er unterliegt dabei sozialen Konventionen. Vor allem bei traditionellen Stationen des gesellschaftlichen Lebens erwarten die Beteiligten, dass fotografiert wird: Hochzeit, Babys und Kinder, Taufe, Geburtstage, Weihnachten, Konfirmation bzw. Kommunion, Partys, Urlaub und Reisen, Bestattung. Dafür gibt es rituelle Arrangements vor allem das Gruppenfoto und das frontale Portrait, die oft auf Anordnungen des Fotografen zustande kommen. Meist sind sie ohne großen ästhetischen Anspruch geknipst. In keinem Familienalbum wird man eine traurige, kranke oder weinende Person sehen. Immer lachen alle in die Kamera, umarmen sich, halten ein Glas in die Höhe, höchstens ein Ausdruck der Nachdenklichkeit wird zugelassen. Etwas davon Abweichendes ist nur als Schnappschuss erlaubt und auch hier werden Peinlichkeiten vermieden.

Die Anwesenheit eines Fotografen oder einer Fotografin ist eine Form sozialer Kontrolle. Wer bemerkt, dass er aufgenommen wird, der versucht ein Bild von sich zu präsentieren: impression Management. Deshalb lassen sich viele Personen nur ungern oder gar nicht fotografieren oder sie nehmen eine Pose ein und kontrollieren ihre Mimik.

Aus diesen Gründen sind in Familienalben die Fotos so stereotyp wie das Aufnehmen rituell, sie zeigen mehr, wie man sich ein Familienleben vorstellt, nicht wie es wirklich abläuft. Das Fotoalbum ist zwar eine visuelle Chronik, aber sie hält nur die „glücklichen“ Momente fest und konstruiert damit eine einseitige soziale Realität. Der Austausch und die Betrachtung der Fotos hat die Funktion sozialer Integration, sie stärkt den Zusammenhalt über die Generationen hinweg.

Trotz dieser Vorbehalte, gibt es Fotos, oft sind es Schnappschüsse, die unerwartet etwas offenbaren: durch die Aufstellung der Personen, die Körpersprache oder die Mimik: Wer steht nebeneinander? Wer steht vorn und wer hinten? Wer ist abwesend? Wer berührt einen anderen? Wer blickt wo hin oder zu wem? Es gibt eine therapeutisch orientierte Fotoanalyse für diese Art der Auswertung. (31.08.2016)

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Das klassische Fotoalbum mit eingeklebten Bildern wird derzeit abgelöst durch Fotobücher, die sich mit jedem Foto-Tool gestalten lassen. Foto: Steffen-Peter Ballstaedt

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Neutralitätspflicht

Selbst Kinderzeichnungen können in die Mühlen der Politik geraten. Im Bürgeramt Heidelberg sollte eine Ausstellung  der Palästina/Nahost-Initiative gezeigt werden: „Erlebtes, Ängste und Träume – Kinder in Palästina“. In zwei Trauma-Rehabilitationszentrum haben Kinder  aus dem Gaza-Streifen Bilder gemalt, die den Kriegsalltag zeigen: blutende Körper auf der Straße, Bombenabwürfe, brennende Häuser, Panzer, schießende Soldaten. Jetzt wurde die Ausstellung vor Eröffnung abgehängt mit der Begründung, die Inhalte seien zu politisch! Der Vorwurf des Antisemitismus geistert herum, zudem das Gerücht, die Bilder seien vielleicht speziell zur anti-israelischen Propaganda gemalt worden. Die Stadt Heidelberg betont ihre Neutralitätspflicht, aber eine Ausstellung des Jüdischen Nationalfond (JNF) über „Die Geschichte des grünen Israel“ hat sie 2014 nicht beanstandet. Der JNF ist ab aber nicht neutral, sondern fördert die jüdische Besiedlung des Westjordanlands, er liefert sozusagen die Bäume um die Siedlungen. (29.08.2016)

Gaza-Zeichnung

Eine politisch nicht neutrale Kinderzeichnung, vor allem das Wedeln mit der palästinensischen Flagge geht gar nicht. Quelle: Palästina/Nahost-Initiative.

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Anglizismen

Für aus dem Englischen eingewanderte Wörter ist die Willkommenskultur widersprüchlich: 71 % lehnen sie zwar ab, aber 90% verwenden sie trotzdem. So die Daten einer neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov.  Ältere Personen sind dabei noch kritischer gegenüber den Einwanderern als jüngere. Wörtern wir „okay“. „Internet“ oder „cool“ kann man kaum entkommen. Englische Vokabeln haben auch einen gewissen Distinktionsgewinn: Man kann sich als weltläufig und modern präsentieren. Zudem gibt es für einige Begriffe tatsächlich keine treffenden deutschen Wörter: Wie soll man z.B. das Smartphone nennen? Oder Mobbing? Die Aktion Lebendiges Deutsch schlägt vor: Gruppenpöbeln oder Mürbsticheln.(28.08.2016)

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Burkini

Wenn es noch eines Beweises gebraucht hätte, dass auch die Kleidung semiotische Bedeutung hat, dann wären es jetzt die Debatten über den Burkini und andere Kleidungsstücke, die den Körper stark verhüllen. Während ich noch verstehen kann, dass in kommunikativen Berufen – wie z. B. Lehrerin – eine gesichtsverdeckende Burka oder Niqab ein Problem darstellen, verstehe ich nicht, warum man gegen den Burkini vorgeht.

Beim Verbot des Burkini an der Côte d’Azur geht es nicht um das Gesicht, sondern um eine Kleiderordnung. Am Strand von Nizza haben vier (!) Polizisten eine islamische Frau gezwungen, ihre Kleidung auszuziehen, peinlicherweise war es aber gar kein Burkini, sondern eine normale Tunika. enn man das Verbot damit begründet, dass damit unterdrückte islamische Frauen befreit werden, so ist das eine durchschaubare Rationalisierung. Ein Burkini schützt gegen Sonne und Quallen, aber nicht gegen kulturelle Vorurteile. Eigentlich bleibt es jeder Frau überlassen, wieviel Haut sie zeigt, aus welchen Motiven auch immer. Die europäischen Badeanzüge im 19. Jahrhundert haben auch fast den ganzen Körper verdeckt. (25.08.2016)

Bademode1898

Mit diesen Badeanzügen im Marinestil ging die züchtige Dame 1989 ins Wasser. Dagegen wirkt ein Burkini elegant! Quelle: Wikimedia Commons

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