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Frühlingsfest

Jetzt hat es einige Schausteller auf dem Cannstatter Frühlingsfest erwischt. Besucherinnen haben mit Entsetzen entdeckt, dass an manchen Fahrgeschäften Frauen in sexistischer Weise dargestellt sind. Die Motive der Schausteller- oder Kirmes-Malerei in Airbrush-Technik mit knalligen Farben und karikaturhaften Überzeichnungen gehen auf die Pin-ups und die Kinotransparentmalerei zurück: Frauen in erotischen Posen, die Brust und Hintern betonen, tiefe Dekolletees und gern Frauen, denen der Wind das Kleidchen lüftet oder ein Dund das Röckchen runterzieht. Nach einem klärenden Gespräch haben die betroffenen Schausteller zugesagt, diese Motive übermalen zu lassen.

Bilderverbote sind immer interessante Indikatoren für zivilisatorische Prozesse, aber betrüblich ist es schon, dass diese markante Malerei zensiert wird. Gar kein Zweifel, dass Frauen hier als sexuelle Objekte abgebildet sind, aber auch die Männer werden nicht besonders schmeichelhaft als gewaltbereite Muskelpakete gezeigt. Und erst auf den Geisterbahnen: Was wird da an Außendekoration den Kindern an weiblichen Hexen und männlichen Monstern zugemutet. Auch hier ist noch Handlungsbedarf. (08.05.2022)

Muss man Waffeln mit Eiscreme so anbieten? Eigentlich nicht, aber sollte man es übermalen? Foto: in memoriam Wolfgang Scherer.

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Nicht-flache Brüste

Da ist der Göttinger Sport und Freizeit GmbH ein wirklicher Coup gelungen, der sie in alle Blätter der Republik gebracht hat:“ Samstags und sonntags wird das Tragen eines Oberteils als Badebekleidung allen Besuchern der Schwimmhalle freigestellt.“ Konkret: Frauen dürfen auch oben-ohne ins Wasser. So weit, so schön.

Die Vorgeschichte: Letzten August ging eine Person nicht-binärer Identität mit nackten Brüsten ins Wasser. Die Bademeister sahen jedoch in den Brüsten ein weibliches Merkmal und damit einen Verstoß gegen die Badeordnung. Die Person bekam Badverbot.

Das soll nun nicht mehr passieren. Das queere Netzwerk ist sehr zufrieden. Der Geschäftsführer: “Es gibt keinen Grund, warum die als weiblich verstandene Brust stark sexualisiert wird und entsprechend verdeckt werden muss.“ Auf längere Sicht wird die Oben-ohne-Regelung als sinnvoll erachtet, „um der Sexualisierung nicht-flacher Brüste entgegenzutreten.“ Auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Göttingen befindet, dass für eine Gleichstellung der Geschlechter der weibliche Körper entsexualisiert werden muss.

Da hat man sich ja ein anstrengendes Projekt vorgenommen, denn die weiblich Brust ist zumindest in unserer Kultur ein erotischer Reiz mit biologischen Wurzeln. Schon in der Bibel  finden wir im Hohen Lied den schönen Satz: „Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden.“ Welche Rolle Brüste, Busen, Dekolletees usw in Kunst und Kultur spielen, muss ich hier nicht ausmalen. Warum die Brüste, auch die nicht-binären, entsexualisisieren? Eine aberwitzige Begründung für die kleine Freiheit, mit nicht flachen Brüsten unverhüllt zu baden.

Auf eine Bebilderung dieses Beitrag verzichte ich diesmal, obwohl ich da hübsche Einfälle hätte. (03.05.2022)

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Historischer Humor 13

Aus den 70er-Jahren habe ich aus einer Anleitung für Lastfahrzeuggetriebe zwei Abbildungen, die damals witzig und adressatengerecht sein sollten, aber heute peinlich und sexistisch wirken. Auf beiden Bilder ist als Akteur ein spitznasiger Mann mit Mütze zu sehen. Im ersten Bild erhält er mit einem Transparentbild Einsicht in das Getriebe, was mit einer Metapher visualisiert wird. Im zweiten Bild lässt er sich an einem Diagramm den Zusammenhang zwischen Tempo und Zugkraft zeigen, auch hier wird eine gewagte Metapher benutzt.

Das war in den 70ern noch möglich: erotische Metaphern in einer technischen Dokumentation. Leider habe ich die Quelle für die Bilder nicht mehr ausfindig machen können. (02.05.2022)

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Holzvollernter

In den letzten Monaten waren etliche Artikel und Leserbriefe zum Thema Waldbewirtschaftung und Waldpflege in der Lokalzeitung. Aufgefallen ist mir dabei die Terminologie, die in der Forstwirtschaft benutzt werden: Eine kleine Liste von Fachwörtern:

Altersklassenwald, Waldfunktionskartierung, Zielstärkennutzung, Kurzumtriebsplantage, Umtriebzeit, Endnutzung, Schlagpflege, Hiebsatz, Bonitierung, Ertragsklasse, Industrieholz, Erntefestmeter, Holzvollernter (Harvester), Rückgasse usw.

Wer sich für die Bedeutungen interessiert, kann sie im forstwissenschaftlichen Glossar nachschlagen. Irgendwie zeigen diese Wortbildungen doch deutlich das Verhältnis zum Wald, das die Forstwissenschaft vertritt und uns schlichten Waldfreunden nahebringen möchte. (25.04.2022)

Nach der Ernte. Waldendnutzung im Schönbuch. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Störfälle der Kommunikation

Welche Störfalle der Kommunikation gib es? Ich habe immer folgende Möglichkeiten unterschieden:

Das völlige Nichtverstehen kommt vor, wenn die Beteiligten über kein gemeinsames Zeichensystem verfügen. Beispiel: Sie  sprechen völlig verschiedene Sprachen. In diesem Fall gibt es allerdings noch nichtsprachliche Mittel der Verständigung wie Mimik, Gesten, Bilder usw.

Bei Schwerverständlichkeit kann eine Mitteilung nur mit erheblichem mentalen Aufwand verstanden werden. Dabei ist Schwerverständlichkeit graduell. Beispiel: Fachkommunikation zwischen Experten und Laien. Grundsätzlich gibt es Mittel, schwer verständliche Miteilungen durch verständliche Formulierungen zu ersetzen.

Das Missverständnis ist der kommunikativ heikelste Fall, denn der Adressat meint ja korrekt verstanden zu haben. Ein Missverständnis kann lange andauern, bevor es aufgelöst wird. Beispiel: Eine ironische Bemerkung wird ernst genommen.

Die Lüge ist der Gau der Kommunikation, denn wer jemanden belügt, der untergräbt das Vertrauen und gefährdet langfristig die Beziehung. Von der Lüge unterscheiden muss man die Fehlinformation, die nicht absichtlich  verbreitet wird. Beispiel: Eine falsche Nachricht im Journalismus durch unzureichende Recherche.

Die letzten Monate haben mich gelehrt, dass es eine weitere Gefährdung der Kommunikation gibt: die Desinformation. Das ist das gezielte Verbreiten falscher Informationen, um einzelne Personen, Gruppen oder die ganze Gesellschaft zu täuschen und zu manipulieren. Desinformation besteht oft aus bewussten Lügen (fake News), aber es gibt auch indirekte Formen wie Unterdrücken, Verschweigen, Übertreiben, Verharmlosen, Ablenken. Desinformation hat es immer schon gegeben, aber durch die virale Verbreitung haben sich Geschwindigkeit und Wirkungsbereich dramatisch vergrößert. Die taktische Erfindung und Verbreitung von Desinformation ist in den Bereichen Militär, Geheimdienste, Parteienpropaganda, Öffentlichkeitsarbeit geläufige Praxis. (20.04.2022)

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Kriegsvokabular

Beim Verfolgen des Kriegsgeschehens in der Ukraine überrascht es mich, wie schnell ich in militärischen Kategorien denke und spreche: Rückzug, Nachschub, Einkesselung, Verteidigung, Abschuss, Dauerbeschuss, belagert, umkämpft, verschanzt usw. Es ist, als ob man an einem fernen Computerspiel teilnimmt und sich Strategien und Taktiken überlegt. Ich muss mir immer wieder klar machen, dass es wirkliche Menschen sind, die sinnlos kämpfen und sterben. (18.04.2022)

Nachtrag: Offenbar geht es nicht nur mir so. In der Frankfurter Rundschau vom 20.4. hat Harry Nutt eine Kolumne „Auf dem Weg zum Militärexperten“ geschrieben, in der er als anerkannter Kriegsdienstverweigerer sich jetzt über Fachbegriffe wie „schwere Waffen“ informiert, um das Kriegsgeschehen nachvollziehen zu können. (20.04.2022)

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Nochmals: Kriegsfotos

Es ist merkwürdig, dass noch immer an der Vorstellung eines humanen Krieges festgehalten wird, den es nie gegeben hat. In allen Kriegen wurde gebrandschatzt, geplündert, vergewaltigt und wurden Zivilisten ermordet (es könnten ja Rebellen, Partisanen, Milizionäre sein). Es wurden Krankenhäuser und soziale Einrichtungen beschossen (es könnten sich ja Kämpfer dort verschanzt haben). Die Genfer Konvention ist gut gemeint, aber widerspricht der Strategie und der Taktik des Kriegführens.

Im Krieg in der Ukraine sind es wieder die Bilder, die die Gemüter erregen und aufrütteln, wie schon bei den Folterszenen von Abu-Ghuraib oder bei den ausgegrabenen Schädeln aus den Massengräbern von Srebrenica. Bilder schlagen stärker als eine Textnachricht auf die Emotionalität durch: Sorge, Angst, Furcht, Zorn, Hass, Mitleid werden aktiviert. Jetzt erreichen uns Fotos aus Butscha von zerstörten Häuserzeilen, auf der Straße liegen Tote mit dem Gesicht im Dreck. Gesichter, die man erkennen könnte werden gepixelt und damit zu anonymisierten Leichen. Die grausamsten Bilder von Getöteten und Verletzten werden uns nicht gezeigt, teilweise aus nachvollziehbaren Gründen, aber so bleibt die Unmenschlichkeit des Kriegs fern und abstrakt. (06.03.2022)

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Wohlstandsverlust

Mein Wort des Jahres 2022 steht jetzt schon fest: Wohlstandsverlust. Ein ungeheuerliches Wort im Munde von Politikern, sogar von Finanzminister Lindner. Nachdem wir gewohnt sind, dass Gehälter, Renten, Konjunktur, CO2-Emissionen usw. stetig steigen, ist jetzt denkbar, dass es einmal in die andere Richtung geht. Und der Staat wird wohl nicht alles kompensieren können, das bedeutet Einschränkungen, Verzichte, erzwungene Bescheidenheit. (06.04.2022)

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Das A-Wort

Gleich vorweg: Das N-Wort für schwarze Personen ist aufgrund seiner kolonialistischen Vergangenheit rassistisch und diskriminierend. Man sollte es deshalb nicht benutzen, aber muss es deshalb völlig aus allen Texten verschwinden?

Martin Luther King sagte in seiner berühmten Rede: “One hundred years later, the life of the Negro is still sadly crippled by the manacles of segregation and the chains of discrimination.” Den Satz sollte eine Schülerin im Ethik-Unterricht einer hessischen Schule vorlesen, weigerte sich aber das verwendete Wort für Schwarze auszusprechen und wollte dafür „N-Wort“ sagen. Die Lehrerin bestand darauf, da es sich um einen historischen Text handelt und King das Wort absichtlich benutzt hat. Ein Mitschüler musste weiterlesen. Die Schülerin beschwerte sich, es gab einen Skandal, der an die Öffentlichkeit gedrungen ist (Ich habe meine Informationen aus einem Artikel von Hadija Haruna-Oelker aus der Frankfurter Rundschau vom 31.3.2022).

Die Ersetzung durch N-Wort tilgt das diskriminierende Wort zwar aus der Schriftsprache, aber an was denken wir, wenn wie „N-Wort“ hören? Es ist wie mit dem Götz-Zitat, das in feinsinnigen Klassikerausgaben so abgedruckt ist: „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im A….. lecken!“ Welches Wort erscheint  beim Lesen als innere Sprache im Bewusstsein? Arsch! Es würde nichts nutzen, den Arsch durch „A-Wort“ zu ersetzen.  Was ist mit Schimpfwörtern? Sie sind meistens diskriminierend, sie können weltanschauliche oder soziale Gruppen beleidigen. Sollen deshalb Schimpfworte als Mikroaggression tabuisiert und aus dem aktiven Wortschatz getilgt werden?

Darüber kann man diskutieren. Aber wer an  historischen Texten herumstreicht, der beraubt sie ihrer ursprünglichen kommunikativen Funktion, er verfälscht die Kulturgeschichte. Natürlich muss die Bedeutung eines Wortes mit seinen historischen Konnotationen in einer Anmerkung vermittelt werden. (01.03.2022)

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Verschwörung

Nachdem aufmerksame Querdenker entdeckt haben, dass im Comic „Astérix et la Transitalique“ von 2017 ein maskierter Wagenlenker namens Coronavirus vorkommt, der eine Quadriga mit wilden Rappen lenkt, kann es keinen Zweifel geben, dass die Pandemie von langer Zeit vorbereitet wurde. Das war ein deutliches Vorzeichen! In der deutschen Übersetzung hat man das verschleiert, dort trägt der Wagenlenker den Decknamen Caligarius. Aber kluge Köpfe lassen sich dadurch nicht beirren! (30.03.2022)

Auf der Seite 16 lässt Coronavirus unter dem Beifall der Zuschauenden vier apokalyptische Pferde in die Zukunft peitschen. Foto: St.-P. Ballstaedt

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