Author Archive | SP Ballstaedt

Hinweis

Ein Schild an der Haustür, das man eher selten zu lesen bekommt. Foto: St.-P. Ballstaedt (14.04.2018)

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Ehe

Ein neuer Roman von Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze. München: Hanser, 2018. Auf der Seite 8 lese ich folgenden Satz:

„Es erstaunte mich nicht, dass ich nach etwa einer halben Stunde meine ehemalige Ehefrau entdeckte, wobei mir zum ersten Mal auffiel, dass in dem Wort >ehemalig< das Wort >Ehe< aufgehoben ist, was ich gut gelaunt so deutete, dass in jeder Ehe ihre zukünftige Ehemaligkeit schon angekündigt sei.“

Ein hübsches Spiel mit Worten, natürlich stecken im Substativ „Ehe“ und dem  Adjektiv „ehemalig“ verschiedene Wortstämme. Das kurze, aber schwerwiegende Wort „Ehe“ stammt aus dem westgermanischen Wort für Gesetz, Recht, Vertrag; althochdeutsch „ewa“. Etymologisch ungeklärt ist, ob es derselbe Wortstamm wie „ewa“ in der Bedeutung „ewig“ ist. Ehe würde dann „ewig geltender Vertrag“ bedeuten. Um 1000 erfolgt die Bedeutungsverengung auf den Ehevertrag.

Die Konjunktion „ehe“ im Sinne von „bevor“(„Ich gehe nicht, ehe du kommst“) und das Adverb „eher“ im Sinne von „früher, lieber, mehr“ ( „Er hört eher leichte Musik“) haben dieselbe Wurzel. (05.04.2018)

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Gendern

In Wien findet geschlechtsneutraler Verkehr statt.  Fotos (mit herzlichem Dank): Andrea Rübsam (31.03.2018)

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Hail Satan

An vielen Masten in Tübingen findet man diesen kleinen Aufkleber, mit dem sich die Satanisten in Tübingen bemerkbar machen. Zwei Ihrer Symbole: Das Pentagramm, auch Drudenfuß, als Zeichen der Magie, und das auf dem Kopf stehende „Kreuz des Südens“, mit dem das christliche Kreuz verspottet wird. Den Hund kann ich nicht eindeutig deuten, vermutlich ein Kampfhund. Foto: St.-P. Ballstaedt (24.03.2018)

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Frühling

„Frühlingfrühlingfrühling. So nah war Deutsch ihr noch nie gegangen. Wenn sie nicht aufpaßte, war sie gleich stolz auf diese Sprache; weil, glaubte sie, Frühling nirgendwo offenbarender, und doch nicht flach werdend, ausgedrückt sein kann. Frühling, ein schöneres Wort dafür konnte es nirgendwo geben.“

Diese Passage aus Martin Walser: Der Augenblick der Liebe (2004, S. 110) hat mich nach dem Ursprung des Wortes suchen lassen. Als Gegensatz zum Herbst als Spätling wird im 15. Jh. das Wort “vrüeling” bzw. “frieling” abgeleitet. Es tritt neben Lenz als damals übliche Bezeichnung. Bei Luther ist der Frühling auch ein früh im Jahr geborenes Tier (wie Frischling). Auch als vor der Zeit geborenes Kind wird das Wort verwendet (heute Frühchen). Analoge Bildungen mit -ling als Suffix: Setzling, Neuling, Findling, Täufling. Alle diese Substantive sind männlich und haben bei Personen oft eine abwertende Bedeutung: Widerling, Wüstling, Feigling, neuerdings auch Primitivling oder Naivling. (21.03.2018)

Die Wortbildung findet sich häufig bei Pilzen: Tintling, Ritterling, Porling, Rehling, Röhrling, Krempling, Egerling, Borstling, Becherling, Schirmling usw. Im Bild ein Spei-Täubling. Quelle: Wikimedia Commons: James Lindsey at Ecology of Commanster

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Couragiert für die Heimat

Bleiben wir bei Thema „gendern“. Eine Mitarbeiterin im Familienministerium hat angeregt, den Text der deutschen Nationalhymne geschlechtergerecht umzuformulieren:

Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Heimatland!
Danach lasst uns alle streben
Couragiert mit Herz und Hand!

Die Österreichische Bundeshymne und die Nationalhymne Kanadas wurden bereits geschlechtsneutral umformuliert. Hier sehe ich allerdings ein Problem. Der Text wurde 1841 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasst, die Melodie stammt aus einem Lied, das Joseph Haydn 1796/1797 zu Ehren des römisch-deutschen Kaisers Franz II. komponierte. Wir haben es also mit einem historischen Dokument zu tun, in das man nicht eingreifen sollte. Sonst müsste man viele Texte an die modernen Befindlichkeiten anpassen. Der Text wirkt auch in geschlechtsneutrale Form recht angestaubt.  Also wenn schon eine Änderung, dann ein ganz neuer Text und eine neue Melodie, die nicht zu Ehren eines Kaisers komponiert wurde (obwohl die Melodie sehr angenehm klingt, wenn sie nicht laut gegrölt wird). (16.03.2018)

Die Metapher vom blühenden Land löst auch politisch unliebsame Konnotationen aus. Quelle: Wikimedia Commons

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Kundin

Sprache ist ein Mittel der Kommunikation, auf das immer verschiedene Einflüsse einwirken: sprachimmanente (Lautverschiebungen, Ökonomieprinzip), soziokulturelle (Lehn- und Fremdwörter, Rechtschreibreformen, Fachsprachen), politische (Amtssprachen, Migration, Sprachkritik). „Die“ Sprache, die es zu pflegen und schützen gilt, gibt es nicht. Dies zunächst einmal gegen alle Aufgeregtheiten über sprachlichen Wandel.

Eine Kundin der Sparkasse hat bis vor den Bundesgerichtshof geklagt, weil sie in den Formularen als Kunde, Einzahler, Sparer, Kontoinhaber angesprochen wird. Der BGH hat entschieden: Frauen müssen in Formularen nicht extra erwähnt werden. Ein merkwürdiges Urteil, da schon die meisten Behörden und Firmen eine Doppelnennung oder Sparschreibung eingeführt haben. Auch wer nicht alle Kapriolen feministischer Sprachbereinigung mitmachen will: Die Doppelung ist doch wahrlich kein dramatischer Eingriff: Kunde/Kundin oder Inhaber/in oder Sparer und Sparerin.

Das Argument mit dem generischen Maskulinum, das geschlechtsneutral auch die Frauen mit meint, sticht hier nicht, da es ja um eine Einzelperson geht. Zudem: Das generische Maskulinum ist zwar grammatisch korrekt, aber psychologisch sind Frauen nicht mitgedacht und fühlen sich damit auch nicht einbezogen. Untersuchungen mit unterschiedlichen Methoden belegen, dass beim Lesen generischer Maskulina häufiger an Männer als an Frauen gedacht wird. Werden Personen danach gefragt, wer ihr beliebtester Maler oder Sportler sei, dann werden beim generischen Maskulinum kaum Frauen genannt, dagegen bei geschlechtsneutralen Formulierungen signifikant mehr. Frauen werden von Stellenanzeigen, die das generische Maskulinum verwenden, weniger zu einer Bewerbung motiviert. Weibliche Personen zeigen ein größeres Interesse an einem Beruf, wenn er geschlechtsneutral beschrieben wird. Alle diese Untersuchung sind bei Wikipedia unter dem Stichwort „Generisches Maskulinum“ mit Quellenangabe referiert.

Sprache dient der Kommunikation und die Adressatenorientierung ist ein Grundprinzip professioneller Kommunikation, deshalb ist das Anliegen der Linguistinnen, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, durchaus berechtigt und wird sich wohl auch im Sprachgebrauch durchsetzen. (15.03.2018)

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Sorgfalt

Früher waren Metaphern ein rhetorisches Stilmittel, um Texte anschaulich und interessant zu gestalten. Inzwischen weiß man, dass Metaphern ausgerechnet für die Bildung von abstrakten Wörtern wichtig sind. Ein Wort ist abstrakt, wenn sein Referent in der Wirklichkeit nicht mit den Sinnen wahrnehmbar ist. Während konkrete Wörter in direkten Erfahrungen mit der Umwelt gelernt werden, werden abstrakte Wörter über die Sprache gelernt. Dementsprechend können abstrakte Wörter nur schwer eine visuelle oder andere Vorstellung auslösen.

Ein schönes Beispiel ist das Abstraktum „Sorgfalt“. Ein Nomen, das aus dem Adjektiv „sorgfältig“ abgeleitet wurde, mittelhochdeutsch „sorcveltic“. Sorgfältig bedeutet ursprünglich „vor Sorge voller Falten“. Diese anschauliche Bedeutung verblasst mit der Zeit, bei der Sorgfalt denkt niemand mehr an Sorgenfalten. Die Bedeutung von „sorgfältig“ hat sich verschoben auf ein Spektrum von gründlich und achtsam bis pedantisch und pingelig. Aber eine derartige Charaktereigenschaft sorgt wohl auch oft für Sorgenfalten auf die Stirn. (10.03.2018)

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Stoffmuster

Kleider- und Dekorationsstoffe sind ein meist unauffälliger Bestandteil unserer visuellen Umwelt. In Mössingen war die Stoffdruckerei Pausa viele Jahrzehnte ein Zentrum für den Entwurf moderner Dessins. Die Weberei Pausa wurde 1919 gegründet, musste 2001 Insolvenz anmelden, 2004 wurde die Produktion eingestellt. Erhalten sind 120.000 Stoffmuster, von wichtigen Künstlern und Designern entworfen wie Willi Baumeister, Anton Stankowski, HAP Grieshaber, Verner Panton u.v.a. Ein Stoffmusterbuch kann man auf der Website der Stadt Mössingen durchblättern, sie hat den Firmennachlass erworben.

Eine kleine Ausstellung zeigt derzeit die Arbeiten von Anton Stankowski, der von 1950 bis 1970 für die Firma arbeitete. Den Grafik-Designer Anton Stankowski habe ich bereits einmal gewürdigt, als einen vielseitig kreativen Künstler, der Tafelbilder in Öl und Akryl, technische Illustrationen, Plakate, Logos usw. schuf, meist aus einfachen geometrischen Formen mit satten Farbflächen. Für die Pausa entwarf er das Firmenlogo, gestaltete sämtliche Drucksachen und kreierte auch etliche Stoffmuster. Keine Gestaltungsaufgabe war ihm zu geringfügig: Etiketten für Schnapsflaschen als Kundenpräsent, Streichholzheftchen, Preisschilder, sogar Banderolen für Radiergummis.

Pausa_Stoff

Im Pausa-Outlet 1988 gekauft und noch immer in meinem Arbeitszimmer: Ein Vorhang mit einem Pausa-Stoffmuster. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.03.2018)

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Straßennamen

Nach welchen kulturellen und politischen Bedingungen werden neue Straßen benannt und unter welchen Bedingungen werden sie umbenannt?

Im Mittelalter gab es keine Straßennamen, wer ein Haus suchte, musste sich an Hauszeichen orientieren, einfache graphische Ritzsymbole, die am Haus angebracht waren und die auch Leseunkundige erkennen konnten. Oft ikonische Zeichen wie ein Fisch oder Symbole, oft in Form eines Wappens. Dann folgten Hausnamen nach den Besitzern oder der Funktion des Hauses, die Lokalisierung erfolgte nach den Anliegern bzw. wichtigen Nachbarn. Ein Haus in Tübingen wurde z.B. so beschrieben: „hinter dem Rathaus an Conrad Raid von Pfeffingen und Michel Gasslin“. Als die Städte wuchsen, wurde diese Lokalisierung unübersichtlich, nicht zuletzt, weil die Bezeichnungen sich immer wieder änderten oder mehrfach vorkamen. Abhilfe schuf die Einführung von Hausnummern im 18. Jahrhundert. Teilweise gab es bereits Straßennanmen, teilweise wurden sie erst nach der Nummerierung eingeführt. Die Nummerierung von Häusern war eine obrigkeitliche Maßnahme, um staatliche Kontrolle durchzusetzen, z.B. die erleichterte Rekrutierung und Einquartierung von Soldaten. In Tübingen wurde 1772 die Hausnummerierung mit der Einführung der obligatorischen Gebäudebrandversicherung angeordnet.

Die Benennung und Umbenennung von Straßen ist eine Geschichtslektion besonderer Art. In den Straßenamen spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen und Mentalitäten. Berücksichtigt wird eher die gesellschaftliche Elite und bisher sind Frauen deutlich unterrepräsentiert: Monarchen (Kaiser-Wilhelm-Straße), lokale Honoratioren, Künstler (Goethestraße), Wissenschaftler (Max-Planck-Straße), Politiker (Friedrich-Ebert-Straße), Bevölkerungsgruppen (Judengasse), Berufsgruppen (Reeperbahn, Metzgergasse), historische Ereignisse (Platz der Revolution), Firmen (McDonald-Straße; Deutsche-Telekom-Allee). Wenn für neue Stadtviertel unbelastete Benennungen ausgehen, dann wählt man oft unverfängliche Namen wie Ahornweg oder Falkenweg. Es gibt in der BRD 4 500 Baum-Viertel und 3 500 Vögel-Viertel!

Viele Straßen wurden nach dem Nationalsozialismus (statt Nazis jetzt Widerstandskämpfer) und nach der Wiedervereinigung (statt Leninring jetzt Ringstraße) umbenannt. Noch immer wird über Straßennamen diskutiert, wenn es um angebräunte Personen (Martin-Heidegger-Straße) oder ehemalige DDR-Größen geht (Wilhelm-Piek-Straße). ZEIT ONLINE hat alle Straßennamen in der BRD in einem Datensatz erfasst, es gibt etwa 1 Million Straßen mit 450 000 unterschiedlichen Namen, der häufigste Straßenname in Deutschland: Hauptstraße (8 245). Manchen Namen gibt es nur einmal: z. B. die Kerrygoldstraße. Man kann im Datensatz eigene Recherchen durchführen.

Straßennamen

Eine Fundgrube und meine Inspiration zum Thema: Helmut Eck: Die Tübinger Straßennamen. Vielfach umbenannt. Ein stadtgeographischer Beitrag zur Geschichte und Bedeutung der Tübinger Straßennamen. Universitätsstadt Tübingen: Stadtarchiv, 2016. (27.02.2018)

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