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Flitzpiepe

Wieder einmal habe ich ein Wort gelesen, das ich noch nicht kannte, und das auch noch im SPIEGEL: Flitzpiepe. Offensichtlich im norddeutschen Raum nicht ungebräuchlich, wie meine Recherchen ergaben. Mit Flitzpiepe wird eine Person bezeichnet, die man nicht ganz ernst nehmen kann und die nichts auf die Reihe bekommt, ein Troddel eben.

Verwundert hat mich die Wortbildung. Piepe ist eine Pfeife, das passt ja noch, auch Pfeife ist ja ein Schimpfwort. Aber Flitz ist ursprünglich der Pfeil (Flitzbogen, frz. flèche) und „flitzen“ bedeutet, so schnell laufen wie ein Pfeil fliegt. Flitze ist ein älterer Ausdruck für Straßenprostituierte, Flitzeritis für Durchfall! Aber wie passt Flitzpiepe zusammen? Für mich ein intransparentes Kompositum. (21.03.2021)

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Resilienz

Die Begriffe, die in der lebenspraktischen Psychologie gerade Konjunktur haben, verraten etwas über die Befindlichkeiten der Gesellschaft oder zumindest bestimmter gesellschaftlicher Gruppen: Selbstverwirklichung, soziale Intelligenz, Achtsamkeit, Empowerment, Enhancement und derzeit Resilienz.

Der Begriff bezeichnet in der Psychologie die Widerstandsfähigkeit einer Person, sich trotz ungünstiger Lebensumstände und kritischer Lebensereignisse positiv zu entwickeln (der Gegenbegriff ist Vulnerabilität bzw. Verwundbarkeit). Den Begriff der Resilienz gibt es in der amerikanischen Psychologie bereits in den 1950er Jahren. Es wurden seitdem Programme entwickelt, wie Menschen diese Eigenschaft trainieren können, um gegen negative Ereignisse besser gewappnet zu sein.

Später macht Resilienz auch in der Soziologie Karriere. Hier bezeichnet er die Widerstands- und Regenerationsfähigkeit von Gesellschaften angesichts von Katastrophen verschiedener Art. Und an denen gab es in den letzten Jahren keinen Mangel: Finanzkrise, Migrationskrise, Klimakrise, Terroranschläge und jetzt auch noch eine Pandämie. Das moderne Machbarkeits- und Fortschrittsdenken bekommt einen Dämpfer.

Wir erleben, dass der Umgang mit dem Virus und seinen Mutanten sowohl Individuen wie Staaten überfordert. Mit Bedrohung, Einschränkung, Verzicht und Verlust  können viele Menschen nicht umgehen, das sind sie einfach nicht gewohnt und flüchten nach Malle, um endlich wieder am Strand zu liegen. Und die Politiker stecken in der Klemme: Gesundheitsvorsorge gegen Wirtschaftswachstum, Einschränkung der Bürgerrechte gegen erhöhte Mortalität, eine Gradwanderung, bei der die Balance schwer zu halten ist. Und dann die Herausforderung, Millionen von Menschen innerhalb kürzester Zeit zu impfen: Ausgerechnet die Deutschen bekommen das nicht gebacken!

Nach dem Soziologen Andreas Reckwitz ist Resilienz das Schlüsselwort der Politik des 21. Jahrhunderts. (17.03.2021)

Eine gute Nachricht: Der  Asteroid 2001 FO32 rast auf seiner Flugbahn mit 124 000 Stundenkilometern an der Erde vorbei! Foto: Wikimedia Commons

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Impfneid

Dass die COVID-19-Pandemie unseren Wortschatz bereichert hat, darüber habe ich schon geschrieben. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache hat inzwischen über 1000 neue und umgedeutete Wörter registriert, von „Alltagsmaske“ über „Nacktnase“ zu „Zoomparty“. Mein derzeitigen Lieblingswörter sind „Inzidenzshoppen“ und „verimpfen“. Aber woher kommt eigentlich das schöne Wort „impfen“.

Das Wort wandert aus dem Griechischen in das späte Lateinische ein und stammt aus dem Gartenbau: Einen Obstbaum impfen, das bedeutet ursprünglich einen Ast aufpfropfen (lat. imputare einschneiden). Und wie kommt es zur medizinischen Bedeutung? 1717 werden in England erstmals künstliche Blattern erzeugt, um Abwehrstoffe gegen diese Krankheit zu erzeugen. Dieses Verfahren, „ingrafting“ oder „inoculation“ genannt, wurde als „einimpfen“ ins Deutsche übersetzt. (10.03.2021)

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Frauentag

Überall in Tübingen hängt ein Wahlplakat der FDP-Landtagskandidatin Irene Schuster, das Anstoß erregt hat, vor allem bei einer Frau, die einen Leserbrief an das Schwäbische Tagblatt geschrieben hat. Sie ärgert sich über die Pose der Kandidatin, denn damit werde das alte frauenfeindliche Klischee bedient, „Frauen müssten ihre körperlichen Reize einsetzen, wo es an Kompetenz fehlt.“. Die Unterstellung: Frau Schuster hat inhaltlich nichts zu bieten und stellt deshalb ihre Figur aus. Aber wer bedient hier eigentlich ein frauenfeindliches Klischee? Frau Schuster steht selbstbewusst da, wie viele männliche Kandidaten auf Wahlplakaten auch, die sich selbstbewusst, lässig und dynamisch präsentieren. Einer der in der Wahl bemühten Experten für Körpersprache würde wahrscheinlich ein gewisse Angriffslust in der Pose analysieren, aber sicher keine inhaltliche Inkompetenz. (08.03.2021)

Die verärgerte Leserbriefschreiberin ist übrigens Frau Petra Seitz, eine Kandidatin der Linken, allerdings nicht im Wahlkreis Tübingen. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Sonderforschung

Nach zwölf Jahren verabschiedet sich der Sonderforschungsbereich 833 „Bedeutungskonstitution“ an der Universität Tübingen. In zahlreichen Projekten wurde untersucht, wie Bedeutungen gesprochener Sprache zustandekommen, denn diese hängen nicht nur von Wörtern und Sätzen allein ab, sondern auch vom sprachlichen Kontext und zahlreichen andere kognitiven und kommunikativen Bedingungen.

Ganz zum Schluss hatte die junge Psycholinguistin Thanh Lan Truong die Idee für ein wirklich aktuelle Studie: Das Sprechen hinter einer Mund-Nasen-Maske. Der theoretische Hintergrund: Im Gespräch achten wir auf die Bewegungen von Mund und Lippen. Das sind paralinguistische Zeichen, die zum Verstehen einen Beitrag leisten. Fallen sie aus, dann sollte das Verstehen beeinträchtigt werden. Die Wissenschaftlerin ließ Personen mit und ohne Maske Sätze mit nicht voraussehbarem Inhalt sprechen und spielte die Videoaufnahmen 40 Versuchspersonen vor. Tatsächlich waren Verstehen und Behalten beim Sprechen unter der Maske signifikant schlechter. Allerdings kann man den Befund nicht allein auf die ausgefallene Mimik zurückführen, denn eine Maske filtert auch bestimmte Frequenzen heraus, die das Verstehen beeinträchtigen können.

Die praktische Relevanz ist nicht gerade überraschend: Wer eine Maske trägt, der sollte besonders langsam und deutlich sprechen und das Gesagte mit Gesten unterstreichen.

Am Dienstag, den 2.3.2021 um 18:00 Uhr stellt die Wissenschaftlerin Ihre Studie vor: Thanh Lan Truong & Andrea Weber: „Welche Auswirkungen haben Gesichtsmasken auf das Sprachverstehen?“ Anmeldung unter uni-tuebingen.de/de/203002 (27.02.2021)

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Frauenwelten

Dass es Männer gibt, deren Abneigung bis Hass auf Frauen pathologische Züge trägt, ist mir nicht entgangen. Aber wie ich durch den SPIEGEL belehrt wurde, existiert eine sogenannte Manosphere im Web, keine geschlossene Community, sondern ein antifeministisches Netzwerk aus Foren und Blogs, in denen Männer gegenüber Frauen nicht allein frauenfeindliche Sprüche loslassen, sondern auch eine unglaubliche Gewaltbereitschaft offen zur Schau stellen.

Gerade Politikerinnen aller Parteien, die öffentlich präsent sind, haben darunter zu leiden: 69% der Parlamentarierinnen haben schon Frauenhass erlebt, 36% wurde angegriffen. Umso erfreulicher, dass in dieser Landtagswahl in Baden Württemberg auf den Plakaten Frauen überwiegen! Unser dröges Wohnviertel wird dadurch deutlich bereichert. (21.02.2021)

Die politischen Aussagen der Plakate bleiben allerdings wie meist recht allgemein. Die FDP kommt natürlich wieder am frechsten daher, kein Wunder bei dem Parteivorsitzenden! Man kann die Fotos groß klicken. Fotos: St.-P. Ballstaedt

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Evidenzbasiert

In der Diskussion um Maßnahmen  gegen das Covid-19-Virus werden gegenüber den Vorschlägen von Querdenkern und Verschwörungstheoretikern immer die evidenzbasierten Entscheidungen der politischen und virologischen Experten hervorgehoben. Das neue Wort „evidenzbasiert“ hat mich neugierig gemacht, denn mit rudimentärer philosophischer Bildung kenne ich das Substantiv „Evidenz“ in der Bedeutung „dem Augenschein nach unbezweifelbar“, das Adjektiv „evident“ als „offenkundig, einleuchtend, klar ersichtlich“. Darauf verweist auch die lateinische Herkunft vom Verb „videre“ = „sehen“. Wenn etwas evident ist, dann bedarf es keines Beweises. Im Philosophielexikon kann man nachlesen: Evidenz ist „höchste im Bewusstsein erlebte Gewissheit“.

Aber das ist mit „evidenzbasiert“ ja gerade nicht gemeint, hier geht es um Entscheidungen, auf der Basis empirischer Daten und Analysen. Evidenzbasiert sind eher die Ansichten der Querdenker und Verschwörungstheoretiker, die keine empirischen Belege für ihre Thesen vorlegen wollen oder können.

Tatsächlich beruht der schiefe Wortgebrauch auf einem Übersetzungsfehler von Evidence-based Medicine. Denn Evidence bedeutet im Englischen auch „Beweis, Beleg, Nachweis“, „offensichtlich“ ist „obviousness“. Man sollte deshalb besser von nachweisorientierten oder empirisch fundierten Entscheidungen sprechen. (14.02.2021).

 

 

 

 

 

Evidenzbasierte Kopfbedeckung. Quelle: Wikimedia Commons

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Bilderrätsel 17

Diesmal ist es wirklich schwer: Was zeigt dieses Fotografie? Zum Vergrößeren ins Bild klicken. Lösung in den Kommentaren. Foto: St.-P. Ballstaedt (07.02.2021)

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Brustbild

Da es Maßhemden und Maßschuhe gibt, ist es verwunderlich, dass es bisher keinen Maßbüstenhalter gibt. Aber jetzt arbeitet man an der Reutlinger Hochschule, Fakultät Textil und Design, an diesem Projekt. Nach einem 3D-Scan des Körpers errechnet eine Software die passende BH-Passform. Parameter sind das Volumen der Brüste, die Höhe der Brustwarzen und die Brustmitte.

Diese Zeitungsmeldung hat mich auf die schon lange ungeklärte Frage gebracht, warum es eigentlich Büstenhalter und nicht Brüstehalter heißt. Denn eine Büste – italienisch il busto – ist ursprünglich ein auf einem Grabmal angebrachtes Brustbild eines oder einer Verstorbenen, also eine Oberkörperplastik. Die verengte Bedeutung „weibliche Brust“ entsteht in Frankreich – la buste – und wandert um 1860 als Lehnwort in das Deutsche ein.

Das Wort Büstenhalter für „ein Wäschestück zur Stützung und Formung der weiblichen Brust“ (Brockhaus Enzyklopädie) gibt es erst ab etwa 1920, vorher waren andere Bezeichnungen geläufig: Leibchen, Korsett, Bustier, aber auch korrekt Bruststütze und Brusthalter. (06.02.2021)

Noch keine computergenerierte Passform: Büstenhalter von 1873. Quelle: Wikimedia Commons.

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Lockdown

Die Pandemie hat uns viele englische Wörter beschert wie Homeoffice und Homeschooling, Superspreader, Distancing, Shutdown usw. Der Lockdown ist jetzt von einer Jury um den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch  zum Anglizismus des Jahres 2020 gewählt worden. Seit 2010 wird ein englisches Wort gekürt, ausdrücklich als positiver Beitrag zur deutschen Sprache, nicht im Kampf gegen eindringende Fremdwörter. Beispiele der letzten Jahre waren z.B. Influencer, Shitstorm, Fake News. Tatsächlich gibt es kein treffendes deutsches Wort für den Lockdown, sondern nur Umschreibungen wie Beschränkungen, Sperrungen, Einschränkungen, Herunterfahren des öffentlichen Lebens, Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus usw. Hingegen hat sich Distancing nicht durchgesetzt, hier gibt es den treffenden Ausdruck „Kontaktbeschränkung“. Es ist also kein reiner Zufall, welches Fremdwort als Lehnwort in eine Sprache eingebürgert wird. (03.02.2021)

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