Masken

Im März 1999 habe ich einige Bilder des belgischen Malers James Ensor im Kunstmuseum Albstadt gesehen und war von ihnen fasziniert. Vor allem von den bizarren Masken und den Totenschädeln, die oft in einem Bild zusammen auftreten. Auf einigen Gemälden könnte es sich um eine Maske, aber auch ein karikaturhaft verzerrtes Gesicht handeln. Mir fällt ein unfrisierter Gedanke des polnischen Lyrikers Stanislaw Jerzy Lec ein:

„Nehmt euch die griechischen Akteure zum Vorbild. Tragt Masken, schont das eigene Gesicht.“

Die Maske, hinter der man sich verbergen, mit der man täuschen und unerkannt agieren kann. Jetzt habe ich weitere Bilder von James Ensor in der Kunsthalle Mannheim gesehen. Und wieder die Maskengesichter: Unser fleischliches Gesicht als Maske, die ein Leben lang über den Schädel gezogen ist, bevor sie nach dem Tod wieder abgezogen wird. Dass meine Sicht und Interpretation nicht falsch ist, zeigt eine Bemerkung von Ensor im „Kurzen Abriss meines Lebensweges“, dort steht die Formulierung: „Die Frau und ihre Maske aus Fleisch“. (05.07.2021)

Beim Betrachten der Gemälde von James Ensor. Foto: St.-P. Ballstaedt

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Körperbehaarung

Die menschliche Behaarung hat schon viele Moden überstanden. Zu den Kopfhaaren und Barthaaren, zu Frisuren und Barttrachten gibt es kulturhistorische Abhandlungen:

Marian I. Doyle: An illustrated history of hairstyles 1830–1930. Atglen, 2003

Allan Peterkin: One Thousand Beards: A Cultural History of Facial Hair. Arsenal Pulp Press, Vancouver 2002.

Eine Kulturgeschichte aller menschlichen Behaarungen ist aber noch nicht geschrieben. Mich interessiert eher die periphere Behaarung unter den Achseln, auf der männlichen Brust und der Schamgegend, in der Nase, über den Augen und am After. Über den biologischen Sinn und Zweck dieser Behaarungen will ich mich hier nicht auslassen, aber alle diese Haare waren schon Gegenstand von ästhetischen Urteilen und massiven Eingriffen. So träufelten sich in Griechenland die Männer Wachs auf den After, um es nach dem Erkalten mitsamt der Behaarung abzureißen. Augenbrauen werden gezupft, gestylt und gefärbt. Für Nasenhaare gibt es eigene Scheren und Schneidemaschinen, vor dem Herauszupfen warnen HNO-Ärzte (kann zum Tode führen!).

Die Schambehaarung war schon vielen kulturellen Moden unterworfen: natürliche Behaarung, Vollrasur, manikürte, getrimmte oder gefärbte Genitalfrisuren. Dabei sieht ein wuscheliger „Brunzbusch“ doch apart aus, aber bei manchen sexuellen Praktiken ist er natürlich etwas hinderlich.

Auch die Achselhaare wurden in den letzten Jahren als unerotisch und geradezu abstoßend bekämpft, bis irgendein Popstar oder eine Schauspielerin provokant Achselhaare zeigt, z.B. Madonna, Julia Roberts, Miley Cyrus, und schon ist die Haarphobie vorbei und der Lady-Shaver landet in der Schublade.

Ebenso wird gerade die Brustbehaarung des Mannes rehabilitiert, die in den letzten Jahren als tierischer Brustpelz angeblich von den Frauen als unsexy empfunden wurde. Früher trugen Männer Brusttoupes unter dem geöffneten Hemd, um sich als Sexualobjekt zu präsentieren. (01.07.2021)

Dieter Thomas Kuhn als Objekt der Begierde mit Perücke und Brusttoupet. Foto: Stefan Brending: Wikimedia Commons.

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Auftragen

Fast jedes Wort hat verschiedene Bedeutungen, die entweder auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehen (Beispiele: Blatt, Birne) oder eine völlig unterschiedliche Herkunft haben (Beispiele: Star, Kiefer, Tor). Das Verb „auftragen“ mit seinen verschiedenen Bedeutungen gehört zur ersten Gruppe. Im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm sind sieben Bedeutungen angeführt, ich will hier nur vier skizzieren:

Bei dem Verb denkt man vermutlich zuerst an das Auftragen von Speisen, dann an eine Person, der etwas aufgetragen wird (die einen Auftrag bekommt). Eine weitere Bedeutung betrifft das Auftragen von Farbe oder Schminke. Eine vierte Bedeutung: alte Kleidung auftragen. Früher trugen die jüngeren Geschwister die Kleider der Älteren auf, oder ein altes Hemd wurde aufgetragen (seltener auch abgetragen), nachdem es einen neuen Kragen bekommen hatte. Diese Bedeutung haben die Mode und der Wohlstand verdrängt: Heute wird ein Kleidungsstück entsorgt und ein neues gekauft. Ausnahme: Die Second-hand-Läden, aber auch da hat nur Modisches eine Chance, aufgetragen zu werden. (25.06.2021)

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Mutanten

Die Syphilis wurde in verschiedenen europäischen Sprachen unter anderem als neapolitanische, italienische, französische, spanische, kastilische, englische, schottische oder polnische Krankheit benannt, je nachdem, aus welchem Land sie angeblich eingeschleppt wurde. Mit der Bezeichnung wurde eine abwertende und schuldzuweisende Haltung dem jeweiligen Land gegenüber transportiert. Die spanische Grippe war zwar vermutlich in Frankreich ausgebrochen und von Gastarbeitern nach Spanien gebracht worden, aber ihren Namen in Frankreich, Großbritannien und den USA hat sie bis heute behalten. Die Spanier sprechen hingegen von der „Pandemia de gripe de 1918“.

Kommen wir zur aktuellen Pandemie. Donald Trump sprach vom chinesischen Virus. Die Bezeichnung hatte Einfluss auf die Urlauberzahlen und Übergriffe auf als asiatisch aussehende Personen haben zugenommen. Dann kamen die britische, südafrikanische, brasilianische und ganz frisch die indische Mutante zu uns. Inzwischen ist man sich der diskriminierenden bzw. stigmatisierenden Funktion der Bezeichnungen bewusst geworden und die WHO hat vorgeschlagen, die Mutationen von COVID-19 mit den Buchstaben des griechischen Alphabets zu bezeichnen. Die britische Mutation ist also jetzt die Alpha-Variante. (12.06.2021)

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Alltagsfunde

Zwei ikonische Alltagsfunde: die Kartoffelsalat-Frau an einem Balsamico-Essig und ein Korken mit Schmetterlingen in einer Flasche spanischen Weißweins. Fotos: St.-P. Ballstaedt (11.06.2021)

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Elternliebe

Ein Supermarkt liebt nicht nur Lebensmittel, sondern auch Babys. So ist mir eine Broschüre „Babyliebe“ in die Hand gefallen, die zahlreiche Produkt anbietet, die für Kleinkinder geeignet sind. Das ist soweit gutes Marketing. Allerdings fällt mir auf, dass es viele Produkte speziell für diese Konsumentengruppe gibt: püriertes Gemüse, Kindermüsli usw. Und es gibt einen Rezeptteil mit kinderfreundlichem Fingerfood für die Kleinsten.

Ich habe mich schon einmal wegen Bärchenwurst und Blumensalami erregt: Warum müssen Kinder eine Extrawurst bekommen und können nicht an das Essen der Erwachsenen herangeführt werden, natürlich unter Berücksichtigung der üblichen Vorlieben wie Nudeln, Pfannkuchen usw. Der Kinderkult, auch was Kleidung oder Spielzeug betrifft, nimmt oft übertriebene Formen an. (10.06.2021)

Das Magazin für die Kleinsten mit vielen Ernährungstipps für perfekte Eltern.

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Pulverdampf

Henning Lobin: Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert. Berlin: Dudenverlag, 2021.

Wer in den vielen Beiträgen zur deutschen Sprache und zum aktuellen Sprachgebrauch nicht mehr durchblickt, dem sei das Buch empfohlen. Ob Rechtschreibreform, Anglizismen, Gendern, Hate speech, politische Korrektheit, Deutschpflicht, Deutsch in der EU, Leichte Sprache, Henning Lobin stellt die an der Diskussion beteiligten Institutionen und Personen mit ihren sprachpflegerischen und letztlich politischen Interessen vor. Bewusst hat er sich dabei durchgängig für eine Metaphorik des Kampfes entschieden: Es geht um Fronten, Schlachtfelder, Strategie und Taktik, Waffenstillstand usw. Das liest sich manchmal etwas martialisch, spiegelt aber die Heftigkeit der Auseinandersetzungen wieder. Lobin unterscheidet zwei Varianten des Sprachkampfes: Auf der einen Seite die nationalidentitäre Richtung, auf der anderen Seite die feministische und antirassistischen Sprachpolitik.

Wie schon der Untertitel verrät, argumentiert er vor allem gegen die nationalidentitäre Strömung, die Sprache für ideologische Ziele in Anspruch nimmt. Hier ziehen seiner Meinung nach die AfD und der „Verein für deutsche Sprache“ an einem braunen Strang. Die deutsche Sprache wird als prägendes Element einer deutschen Identität gesehen, ihr werden besondere Ausdrucksfähigkeiten zugeschrieben, deshalb muss sie vor Einflüssen aller Art geschützt werden. Lobin hat hier seinen Gegner oder sogar Feind gefunden, er will verhindern, dass Sprache politisch instrumentalisiert wird.

Der linken Identitätspolitik wird eine grundsätzlich emanzipatorische Zielsetzung zugebilligt: Wörter, die Gruppen diskriminieren, sollten aus Rücksicht vermieden werden, Frauen sollten gleichberechtigt angesprochen und sichtbar gemacht werden. Auch wenn dem Linguisten einige Vorschläge beim Gendern Bauchschmerzen verursachen (Binnenmajuskel, Gendersternchen), hält er die Bemühung um geschlechtergerechtes Deutsch für ein wichtiges Anliegen, auch wenn andere Gleichstellungsbemühungen sicher effektiver sind. Auffällig an dem Buch ist aber schon, dass die linke Identitätspolitik doch mit Samthandschuhen angefasst wird. Mir fehlt z.B. ein Kritik an dem moralisierenden Umgang mit Formulierungen, bei denen mit erhobenem Zeigefinger nach einer rassistischen Präsupposition gesucht wird.

Es ist erfreulich, dass ein Fachwissenschaftler die Bewegungen auf dem Schlachtfeld Sprache von hoher Warte einmal analysiert. Im 7. Kapitel macht Lobin auch einige konkrete Vorschläge, die alle auf eine Deeskalation hinauslaufen. Wissenschaft soll die Entwicklungen beschreiben, aber nicht vorschreiben, also erst einmal warten, bis sich der Pulverdampf verzogen hat. So wird der umstrittene Genderstern als Problem der Typografie statt der Orthografie aus der linguistischen Kampfzone entfernt. – Obwohl nach dem Brexit in der EU nur noch etwa 1 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Englisch als Muttersprache spricht, soll rein pragmatisch ein vereinfachtes europäisches Englisch weiter als Lingua franca dienen, denn jetzt müssen ja alle EU-Mitglieder diese Sprache erlernen, die Briten haben keinen Vorteil mehr! – Nicht Deutsch gehört als Nationalsprache der BRD ins Grundgesetz aufgenommen, sondern die Sprachförderung sollte in einem Zuwanderungsland Verfassungsrang erhalten.

Und etwas Grundsätzliches: Lobin macht allen, die in der Sprache Manipulation und Beeinflussung wittern, klar, dass Sprechen und Schreiben durch die gewählten Wörter und die rhetorische Satzkonstruktion im Prinzip immer eine Beeinflussung der Adressaten bedeutet, „denn Lesende müssen sich immer die Sprache anderer »aufzwingen« lassen, um einen Text überhaupt zu verstehen“ (S. 143).

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Eine gute Nachricht für alle Unterwäsche-Fetischisten: Heute wird in einem Auktionshaus bei München Leibwäsche der Kaiserin Sisi versteigert. Der Startpreis beträgt 1000 Euro! Die schlechte Nachricht: Die Unterwäsche ist gewaschen! (01.06.2021)

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