Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat in seiner letzten Sitzung keine Empfehlung oder gar Festlegung zum Gebrauch des Gender-Sterns (Lehrer*innen) oder Gender-Gaps (Lehrer_innen) getroffen. Mit diesen Schreibweisen sollen alle Personen in der Sprache berücksichtigt werden, die sich nicht einer männlichen oder weiblichen Geschlechtsidentität zuordnen. In Facebook werden 60 Identitäten angeboten! Zwar wird nicht an der Berechtigung eines dritten Geschlechts gezweifelt, das die Karlsruher Richter im Personenstandsrecht mit dem Eintrag „divers“ bereits abgesegnet haben, aber für die Sprache ist das verzwickt. Beide Schreibweisen verstoßen gegen Rechtschreibregeln und lassen sich nicht aussprechen. Zudem bräuchte man bei einem weiteren Geschlecht auch neue Pronomen, um darauf Bezug zu nehmen, bisher gibt es nur männliche, weibliche und sächliche Formen. Der Rat will abwarten, wie und in welche Richtung sich der Sprachgebrauch verändert, bevor er eine verbindliche Regelung trifft. Das ist sicher weise, denn jede Entscheidung würde derzeit einen Sturm der Entrüstung nach sich ziehen. Man hat noch von der Rechtschreibreform die Nase voll. (22.11.2018)
#Koitüs
Der Tübinger Bürgermeister Palmer, der sich für kostenlosen Nahverkehr einsetzt, bekommt Schützenhilfe über #koitüs, dem Twitter-Hashtag für TüBus-Kontrollen. Die Kontrollettis sollen durch Vernetzung ausgetrickst werden, da sie neuerdings in Zivil und mit versteckten Kontrollmaschinen auftreten. (21.11.2018)
Subversive Aufkleber an Tübinger Masten und Mauern. Foto: St.-P. Ballstaedt
Wortspiele
Viele Tageszeitungen (FR, SZ) haben ihn nicht vergessen: Heute, am 12.November, ist der „Tag der schlechten Wortspiele“, angeblich 2006 vom deutschen Cartoonisten Bastian Melnyk eingeführt.
Was ist ein Wortspiel? Und gibt es überhaupt schlechte Wortspiele? Bei einem Wortspiel dienen sprachliche Einheiten wie Laute, Buchstaben, Silben, Morpheme, Wörter als Material für Kalauer, Schüttelreime, Aphorismen, Witze usw. Der kreative Umgang mit der Sprache durch Umstellungen, Verballhornungen, Mehrdeutigkeiten usw. ist beliebt bei Kindern, aber auch bei dadaistischen Künstlern.
In einer Zeitung habe ich heute folgendes Wortspiel gelesen: „Frage: Warum gehen Ameisen nicht in die Kirche? Antwort: Weil sie Insekten sind.“ Kein Wortspiel auf derselben Seite ist die Meldung: „Jäger erschießt Frau statt Fasan“. Gut für den bedrohten Artbestand!
Es gibt im Web die TOP 20 der schlechtesten Wortspiele. Auf Platz 4: „Willkommen in meiner behüteten Scheide“ (statt bescheidenen Hütte). Aber was ist daran schlecht? Der Gedenktag bietet mir endlich die Möglichkeit, einen albernen Sprachscherz loszuwerden, der bei Kindern gut ankommt: „Hinter einer Fichtenwurzel hört man einen Wichtel furzen.“
Ich verabschiede mich mit Platz 6 und 17 der blödesten Wortspiele: John Porno, Piss dann! (12.11.2018)
Beim Fleischhauer
Wieder habe ich ein paar Austriazismen im Gepäck, diesmal sind mir Wörter aus dem Bereich des Fleischverzehrs aufgefallen. In einem Prospekt werden „Schweinsbauch“ und „Schweinsschnitzel“ angeboten, also mit einem abweichenden Fugenlaut (nicht „Schweinebauch“ und „Schweineschnitzel“). Natürlich „Hendlfilet“, das überrascht nicht. Dann aber „Surschopfbraten“, das ist ein gepökelter Schweinenacken. Auf Plakaten wird „mageres Meisl“ offeriert, ein „Gustostück“ vom Vorderviertel des Rindes, dessen Bezeichnung auf das Lateinische „Musculus“ (= Mäuschen) zurückgeht. Weitere „Gustostücke“ sind „Schulterscherzel“ ( = Rinderschulter) und „Beiriet“ (= Rostbeef). (11.11.2018)

Kein lockendes Sonderangebot für österreichische Vegetarier und Veganer. Foto: St.-P. Ballstaedt
Der Mohr kann gehen
Jetzt hat es den Sarotti-Mohren erwischt, die Werbefigur für Schokolade mit Turban und Schnabelschuhen. Ein Reklame-Schild hängt über der Theke eines Mannheimer Kulturzentrums und erregt jetzt die Gemüter: Das Bild soll weg, da es rassistisch und diskriminierend ist. Tatsächlich ist ein dienstbeflissener Neger ein Relikt unserer kolonialen Vergangenheit. Aber geht hier die political correctness nicht (wieder einmal) zu weit? Das Bild gehört zu unserer visuellen Kultur, ich möchte mir gar nicht ausdenken, wie viele Bilder man tilgen müsste, um eine saubere visuelle Weste zu behalten. Sicher die Werbebilder mit Hausfrauen am Herd, mit der die Firmen die ersten Elektrogeräte bewarben: Die Frau in der Küche, sicher eine Diskriminierung. Durch den glatzköpfigen Meister Proper kann man sich als Mann diskriminiert fühlen usw. (07.11.2018)
Zum 50. Firmenjubiläum 1918 wurde als Erinnerung an die Gründungsstätte in der Berliner Mohrenstraße der Sarotti-Mohr als Markenfigur eingeführt. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen (Zitat aus Friedrich Schillers Drama „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“). Quelle : Wikimedia Commons
Erotische Prosa
Seit Polizisten und Journalisten immer häufiger über sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum berichten, haben sich Sprachgewohnheiten herausgebildet, über die Vorfälle eindeutig, aber dezent und bewertend zu beschreiben:
„Einem Zeugen war aufgefallen, wie der Mann die beiden Frauen beobachtete und gleichzeitig bei geöffneter Hose eindeutige Handbewegungen im Intimbereich machte.“ (SWP 7.9.18)
„Hinter ihr befand sich ein Mann, der seine Hose sowie seine Unterhose bis auf die Knie heruntergelassen hatte und an seinem Geschlechtsteil manipulierte.“ (SWP 16.10.18))
„Dabei berührte der erkennbar alkoholisierte Unbekannte sie unsittlich an den Oberschenkeln […] Im Verlauf der Fahrt bedrängte er die junge Frau erneut und berührte sie unsittlich an der Brust.“ (SWP 10.10.18)
Da stellt sich Frage, ob es auch eine sittsame Berührung der Oberschenkel und der Brust gibt. (01.11.2018)
Butterfahrt
Wo kommen die vielen subkulturell-frechen Aufkleber in eine brave Fähre „Witte Kliff“ von Helgoland auf die Düne? Auflösung: Jedes Jahr gibt es auf die Düne eine Rock ’n‘ Roll Butterfahrt und bei der Überfahrt lassen die Teilnehmenden keine Fläche für einen Aufkleber aus. Foto: St.-P. Ballstaedt (27.10.2018)
Bilderrätsel 3
Was ist hier abgebildet? Die Lösung wieder im Kommentar. Foto: St.-P. Ballstaedt (20.10.2018)
Das Herzsymbol ❤️
Neben dem Pfeil ist das Herzsymbol wahrscheinlich das beliebteste visuelle Zeichen. Es ist aus unserer Alltagskultur nicht mehr wegzudenken: Herzen als Emojis 💔💕💘💝, in Rinden geschnitzt, als Liebesschlösser, auf Glückwunschkarten, flammende, durchbohrte, tränende, gebrochene Herzen usw. Auf Schildern „Verbot für Personen mit Herzschrittmachern“ oder dem Hinweisschild für einen Defibrillator ist das Herzsymbol zu finden. Aber wo stammt es her? Und wie hat es seine Form bekommen? Die Herkunft ist schwer zu rekonstruieren, offenbar sind zwei zunächst unabhängige Entwicklungen zusammengeflossen.
Bereits im 3. Jahrtausend vor Chr. findet man herzförmige Feigen- oder Efeublätter mit langen Stielen als Dekor auf Keramiken und Fresken. Das Efeublatt symbolisierte in antiken und frühchristlichen Kultur die ewige Liebe, der Feigenbaum stand für Fruchtbarkeit und später Erotik, den Früchten wurden aphrodisischen Eigenschaften zugeschrieben. In der Minneliteratur tauchen herzförmige Blätter es in Liebesszenen in der Buchmalerei auf, jetzt in roter Farbe, daher noch der Ausdruck „Herzblatt“. Zur Verbreitung des Symbols trugen auch die Spielkarten bei.
Als visuelles Zeichen für das anatomische Organ taucht das Herz im 13. Jahrhundert bei Anatomen auf, jetzt wird das rote Blatt umgekehrt. Z.B. haben die Herzskizzen des Leonarde da Vinci Ähnlichkeit mit einem umgekehrten Blatt, der Stiel bildet die Gefäßwurzeln ab. Das Herzsymbol wird zum Wappenzeichen der Kardiologen, unzählige Kliniken und Facharztpraxen haben ein Herz im Logo.
In einigen Symbollexika wird darauf verwiesen, dass das Herz deutlich weibliche Formen hat, die Rundungen als Brüste oder Gesäß, die Spitze als Vulva. Das ist aber weit hergeholt und wohl ein sexualisierter Blick auf ein harmloses Zeichen. (09.10.2018)


Herzförmige Blätter aus einer mitteldeutschen Handschrift des 13. Jahrhunderts: Quelle: Deutsches Ärzteblatt 2003; 100(12). Hinweisschild D-E017 bzw. ISO 7010 E010 auf automatisierten externen Defibrillator. Quelle: Wikimedia Commons
Trullala
Singsilben sind ein Segen für Texter, denen keine Zeile mehr einfällt, und für Sänger, denen der Text abhandengekommen ist. La-la-la oder Tra-la-la sind Universalplatzhalter und erfreuen auch die Kehlen der Sänger, da keine Konsonanten das Schwingen der Stimmbänder behindern. Der Kasper meldet sich mit einem fröhlichen Tri-tra-trallala und dem Spender steigt ein Trullala Trullala Trullala. Singsilben sind im Volkslied und Schlager beliebt, da man sie leicht mitsingen kann: Ein Vogel wollte Hochzeit machen, fi-di-ra-la-la, fi-di-ra-la-la, fi-di-ra-la-la-la-la. Oder: Auf der schwäbsche Eisenbahne, tru-la-tru-la-tru-la-la. Auch in der Oper sind Singsilben beliebt, z.B. trällert der Barbier von Sevilla in seiner ersten Arie:
La ran la le ra, la ran la la.
Largo al factotum della città!
La ran la la, ecc.
Die onomatopoetischen, d.h. lautmalenden Verben „trallern“, „trillern“ oder „trällern“ bedeuten nach den Brüdern Grimm „eine Melodie ohne Worte singen“. Tonsilben sind in vielen Kultur bekannt, im Gesangsunterricht spielen sie eine wichtige Rolle. Die Zuordnung von Tönen zu Silben wird als Solmisation bezeichnet. Die Abfolge Do-re-mi-fa-so-la-ti-do gibt es ab Mitte des 17. Jahrhunderts, verbunden mit bestimmten Handzeichen. (28.09.2018)



