Was habe ich hier für ein Motiv vor die Linse bekommen? Zum Vergrößern ins Bild klicken. Foto: St.-P. Ballstaedt (10.07.2018
Wirkungsgleich
In den letzten Wochen waren wir Zeuge der Karriere eines Wortes aus dem Mund des großen CSU-Vorsitzenden und Heimatministers Horst Seehofer. Er stellt eine Forderung nach Zurückweisung von Asylsuchenden an den Grenzen auf und verlangt dann von der Kanzlerin und dem EU-Gipfel eine wirkungsgleiche Lösung, sonst…..
Aber wurde das Wort neu geboren? Nein, es ist im späten 19. Jahrhundert in Physik und Biologie nachweisbar, wo die Wirkungen von pharmakologischen Stoffen verglichen wurden. Von da ist es in die Gesundheitspolitik gewandert und Seehofer war 1992 bis 1998 Gesundheitsminister! Es ging damals um ein Gesetz, das die Gesundheitsausgaben verringern sollte: „Es sieht vor, die Apotheker zu verpflichten, unter wirkungsgleichen Präparaten jeweils das reiswerteste abzugeben“ (Tagesspiegel).
Das Wort ist vielleicht ein Kandidat für das Wort des Jahres 2018. Für Spötter und Satiriker eine Steilvorlage, Zeit online über die Schwesterparteien CDU und CSU. „Zwei, die nicht mehr wirkungsgleich sind.“
Dieser Beitrag ist inspiriert von einer Wortgeschichte von Matthias Heine in der Welt online (03.07.2018)
Nachtrag: Zu Wortneuschöpfungen der Politiker ein Artikel von Stephan Hebel in der Frankfurter Rundschau. Dazu auch mein Beitrag über Ankerzentren.
Drohnenverbot
Ein neues Piktogramm, das es aber wieder in zahlreichen Varianten gibt. Diese fand ich an einem Eingang zum Babelsberger Park in Potsdam. Foto: St.-P. Ballstaedt (30.06.2018)
Geschmeide
Hat das Geschmeide um den Hals einer Frau etwas mit ihren geschmeidigen Bewegungen zu tun? Auf den ersten Blick nicht, aber Geschmeide und Geschmeidigkeit haben dieselbe lexemische Wurzel, nämlich mittelhochdeutsch gesmide = Schmiedearbeit, ursprünglich Waffen und Rüstung, später auch Metallschmuck. Im 18. Jahrhundert Bedeutungsverengung auf Schmuck bzw. Goldschmiedearbeit. Geschmeidig bedeutet ursprünglich biegsam, nachgiebig, also leicht zu schmieden. (19.06.2018)
Serviervorschlag
Ein sonderbares Wort auf Lebensmittelverpackungen: Serviervorschlag. Bei blickdichter Verpackung hat der Gesetzgeber eine Abbildung des Lebensmittels erlaubt. Da Bilder die Entscheidung der Konsumenten beeinflussen, wird natürlich eine leckere Präsentation gewählt, die mit dem Inhalt optisch meist wenig zu tun hat. Wenn zusätzlich das Produkt mit Petersilie, Zwiebelringen oder einem Radieschen garniert ist, die Teil des Produktes sind, dann ist gesetzlich die Kennzeichnung als Serviervorschlag notwendig, § 11 (1) LFGB, da sonst eine Irreführung vorliegt. Eine Irreführung stellt allerdings weniger die Garnitur dar als das Foto, das oft in keiner Hinsicht den Inhalt abbildet. In einem Beitrag zur Warenästhetik habe schon einmal darauf verwiesen.
Auch wenn man die Ölsardinen aus ihrer Dose befreit, wird man sie nie so schön getrennt auf einem Salatblatt servieren können, deshalb links unten dezent der Hinweis: Serviervorschlag. Foto: St.-P. Ballstaedt (18.06.2018)
Der erste Satz
Ein Schriftsteller, ich habe vergessen wer, hat einmal gesagt, das Schwierigste beim Schreiben eines Romans sei der erste Satz. Habe man den ersten Satz, dann fließen die folgenden Sätze aus der Feder. Der erste Satz ist wie eine Grundsteinlegung, so der Autor Franz Schätzing. Die Initiative Deutsche Sprache hat 2007 einen Wettbewerb über den schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur ausgeschrieben. Der Sieger:
„Ilsebill salzte nach.“ (Günter Grass: Der Butt)
Tatsächlich ein genialer Startsatz, der einen mitten in ein Geschehen hineinnimmt. Zudem der seltene Name Ilsebill, der sofort eine Assoziation an den Fischer und seine Fru wachruft. Auf den zweiten Platz kam ein längerer Startsatz:
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ (Kafka: „Die Verwandlung“).
Noch ein paar Beispiele für – meines Erachtens -gelungene erste Sätze:
„Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues.“ (Samuel Beckett: Murphy)
„Wenn Eileen Holland gefragt wurde, ob sie Geschwister habe, musste sie manchmal einen Augenblick nachdenken.“.(Jonathan Franzen: Schweres Beben)
„Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat.“ (Heinrich Mann: Professor Unrat)
„Schwöre, dass du keine anderen mehr fickst, oder es ist Schluss.“ (Philip Roth: Sabbaths Theater)
Und schließlich mein liebster Romananfang, der in einem Satz den Charakter der Hauptperson Jean-Jacques Rousseau anreißt:
„Er liegt im Bett, onaniert und stellt sich Mama dabei vor.“ (Karl-Heinz Ott: Wintzenried)
In den literarischen Schreibwerkstätten wird die Magie des ersten Satzes beschworen, er muss viele Funktionen erfüllen: Leselust erzeugen, in die Geschichte hineinnehmen, emotional berühren. Wie man diesen Satz allerdings findet, kann auch eine Schreibwerkstatt nicht vermitteln. (09.06.2018)
Kolibri

Auch an Tübinger Hauswänden: eine Kolobri-Stencil. Das Motiv ist sehr beliebt, als Schablone und als Vorlage für Tattoos. Auf der Haut von Frauen gern auch in Farbe und mit einer Blüte. Der Kolibri symbolisiert Energie und Leidenschaft, wegen seines Schwirrfluges mit 40 bis 40 Flügelschlägen pro Sekunde. Und er ist ein Botschafter für Genuss und Lebensfreude. (03.06.2018)
Flirten
Ein Verb, bei dem man die Schmetterlinge im Bauch flattern hört. Erstmals taucht es im Titel eines Werkes der Schauspielerin Klara Ziegler auf: Flirten. Lustspiel in einem Aufzug. 1895. Damals ein Lehnwort aus dem Englischen „to flirt“.Ursprünglich aber aus dem Altfranzösischen fleureter, das „mit Blumen verzieren“ oder auf die Kommunikation übertragen „schöntun“ bedeutet. Es gibt für diese erotische Werbung auffällig viele hübsche Synonyme: anbändeln, kokettieren, liebäugeln, tändeln, schäkern, poussieren, heute anbaggern. Dazu mein Vortrag Multikodaler Zeichengebrauch in der inkrementellen Intimkommunikation. (30.05.2018)
Sargpflicht
Es gibt Wörter, die mir typisch deutsch vorkommen, z.B. Sargpflicht oder sogar Sargzwang, Diese Verpflichtung ist in einigen Landesbestattungsgesetzen festgeschrieben: Menschliche Leichen dürfen nur in einem Sarg bestattet oder eingeäschert werden. Auch wer sich verbrennen lässt, muss dazu in einen Sarg, ein schlichtes Leichentuch ist nicht erlaubt. Das freut die Sarghersteller, die entsprechend unsere Bestattungskultur loben und hochhalten.
Vor einigen Wochen ist der australische Botaniker David Goodall 104-jährig wegen seiner Altersgebrechen zu einer Sterbehilfeorganisation in die Schweiz gereist. Neben den üblichen Bedenken gegen die Sterbehilfe las ich auch das Argument, dass es unmoralisch sei, dass eine Organisation mit dem Tod anderer Menschen Geld verdient. Bei uns verdienten am Tod aber auch einige Branchen Bestatter, Sargmacher, Floristen, Trauerredner, Musiker, Steinmetze, Gärtner usw. (27.05.2018)
Zugeklebt
Tübingen wird derzeit zugeklebt, noch nie habe ich so viele Aufkleber an Geländern und Masten gesehen. Die Hauptthemen: Refugees, Tierversuche, Anti-Faschismus, Burschenschaften, Jesus, Feminismus. Dazu kommen unzählige Werbeaufkleber für Festivals, Konzerte, Online-Shops usw. Foto: St.-P. Ballstaedt (21.05.2018)



