Neuer Situationismus

Gestern war ich bei einer Diskussion im Café Philo am Tübinger Zimmertheater mit Bernhard Pörksen (dem Sohn des Autors der „Plastikwörter). Er ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen und hat bemerkenswerte Studien über die Konstruktion von Realität durch die Medien vorgelegt, z. B. über Skandalisierung. In der Diskussion sollte es um Erkenntnistheorie gehen, um Wirklichkeit und Wahrheit, ausgelöst durch die aktuelle Kontroverse zwischen den Konstruktivisten und den Neuen Realisten.

Pörksen trägt in seinem Impulsstatement einen sympathischen, antidogmatischen Ansatz vor, der sich von jeglicher Erkenntnistheorie abkoppelt. Losgelöst von Fragen der Wahrheit und Wirklichkeit muss man sich in jeder Situation entscheiden und die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. So kann einmal die eine, einmal die andere Wahrheit gelten: „Es kommt darauf an“. Angemessenheit statt Wahrheit ist das neue, sehr weiche Kriterium. Die Plausibilität des Situationismus besteht darin, dass alle, die sich keinem festen Wertsystem verpflichtet fühlen, im Alltag genauso pragmatisch vorgehen. Philosophisch lässt sich das, was die Wahrheit betrifft, im Pragmatismus und, was die Moral betrifft, in der Existenzphilosophie verorten. Einen neuen Ismus braucht man eigentlich nicht.

Die Diskussion mäanderte denn auch zwischen Erkenntnistheorie, deren Fragen derzeit unentscheidbar sind, und Lebenspraxis, in der man ohne erkenntnistheoretische Rückversicherung entscheiden muss. Etliche Fragen aus dem Publikum offenbarten, das der „Neue Situationismus“ à la Pörksen noch reichlich unausgegoren ist. (15.07.2014)

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Blogs, Blogs, Blogs

Seit ich einen Blog habe, stelle ich fest, wie viele auch einen haben. Vorher war mir das nicht aufgefallen. Es wird geschrieben und gepostet, was das Zeug hält. Diese Kommunikationsform gibt seit Mitte der 90er-Jahre. In Wikipedia lese ich mit Entsetzen, dass es schätzungsweise 175 Millionen Blogs im Internet gibt! Was ist daran so reizvoll, Texte und Bilder ins Netz zu stellen, die meist nur von sehr wenigen Usern entdeckt und zur Kenntnis genommen werden? Hinter den meisten Beiträgen findet man den Vermerk „no comments“. Die Texte sind eine Art digitaler Flaschenpost, die vor allem die Kommunikationsbedürfnisse der Blogger befriedigt. (14.07.2014)

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Plastikwörter

„Words, words, words“ antwortet Hamlet auf die Frage des Polonius: „Was leset ihr, mein Prinz“ (2. Akt, 2. Szene). Wörter haben es mir angetan, deshalb wieder ein Beitrag über Wörter.

1988 hat der Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen ein Buch mit dem Titel „Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur“ veröffentlicht. Er meint damit Wörter aus den Wissenschaften, die weitgehend ihrer Bedeutung beraubt sind und deshalb beliebig verwendbar sind. „Beziehung“, „Projekt“, „Fortschritt“, „Struktur“, „System“, „Beziehung“, „Strategie“, „Faktor“ sind z. B. solche Plastikwörter. Vor allem im politischen, aber auch im kulturellen Bereich sind Plastikwörter beliebt, da man mit ihnen tiefsinnig formulieren kann, ohne etwas Inhaltliches zu sagen. Eine Kostprobe: „Wir sind die Partei, die für eine strukturelle Ökologisierung steht, für eine Energiewende, für eine Verkehrswende, und auch für eine ökologisch ausgerichtete Arbeitsmarktpolitik. Wir haben ein integriertes Konzept von Wirtschaftsökologie und Sozialpolitik entwickelt, und das bieten wir an.“ Aha, jetzt wissen wir Bescheid. Plastikwörter eigenen sich hervorragend für Phrasendreschmaschinen.

Der sozial- und integrationspolitische Sprecher der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Gerhard Merz, hat eine lange „Liste hässlicher Wörter“ gesammelt, viele davon sind Plastikwörter. (13.07.2014)

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Stillleben

MacBurger

Das Big Mac extra value meal. Werbung von McDonald.

Versuchen wir eine ikonologische Analyse der visuellen Botschaft: Zentral im Bild ein Doppelburger, links davon ein Pappbecher mit dem Logo von Coca-Cola, rechts davon eine Tüte mit Pommes und dem Logo von McDonald. Die Tüte mit Pommes greift das Motiv des Füllhorns aus der griechischen Mythologie auf, ein Symbol für Überfluss und Glück. Ein Burger ist ja eigentlich nur ein belegtes Brötchen, der üppige, mehrschichtige Belag signalisiert ebenfalls Überfluss: Fleisch, Käse, Salat. Dazu passt der 1/2-Liter-Becher mit Brause, der Schriftzug „always“ signalisiert globalisierte Jugendlichkeit. Geschirr gibt es nicht, nur Papp-Becher, Papp-Tüte und Papierserviette, diese ist aber wie ein edles Tuch drapiert. Die Pappen sind ein Symbol für die Wegwerfgesellschaft. (12.07.2014)

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Totentänze

Auf dem Alten Friedhof in Freiburg/Breisgau kann man in der Vorhalle der St. Michaelskapelle einen Totentanz anschauen. Schon als Schüler habe ich mich dort gern aufgehalten, habe die Gemälde betrachtet und die Verse dazu gelesen. Die Darstellung stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Simon Gröser. Mehrfach wurden die Bilder restauriert, die letzte auch bereits wieder restaurierte Fassung stammt von Wolfram Köberl aus dem Jahre 1963. Aber der barocke Touch ist geblieben: Ungeachtet des Alters und des Standes holt sich der Tod seine Opfer. Was mich an Totentänzen fasziniert, ist die archaisch-naive Präsenz des Wissens um unsere Sterblichkeit im öffentlichen Raum: mors certa, hora incerta. Anders ist das noch heute in der mexikanischen Kultur, wo man um den Día de los muertos Gebeine und Totenschädel überall und in allen Formen sehen kann. Bei uns sieht man Skelette nur noch im Horrorfilm oder ausgiebig bei „Bones“. Sogar den Totenschädel als Warnzeichen findet man nur noch selten und in der aktuellen Gestaltung erinnert er eher an einen Affen als an einen Menschen. (11.07.2014)

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Der Tod erlöst vom Kreuz der Ehe: Motiv aus dem Freiburger Totentanz. Quelle: tumblr.  Daneben das Piktogramm für tödliche Chemikalien: Giftig für Affen? Darunter: In einem Cafe in Oaxaca de Juárez. Foto: Max Steinacher

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Datenschutz

Eigentlich ist zu dem Thema schon alles Wichtige gesagt, aber noch nicht von mir. Was dank Edward Snowden scheibchenweise an die Öffentlichkeit dringt, würde in einem Science-Fiction-Thriller als übertriebene Fantasie gerade noch durchgehen. Prinzipiell können unsere Mails, unsere Fotos, unser Telefongespräche, unser Bewegungsprofile, registriert, ausgewertet und gespeichert werden. Die Kanzlerin und führende Politiker werden abgehört, politische Ausschüsse bespitzelt. Vielleicht kreisen auch schon Drohnen über Deutschland. Die Bundesregierung ist wohl deshalb so einsilbig und inaktiv, weil die deutschen Geheimdienste kräftig mitmischen und die amerikanischen Freunde wohl eher um ihre technischen Möglichkeiten beneiden. Hier hat sich eine metakommunikative Ebene etabliert, die allen unseren Vorstellungen von Privatsphäre und informationeller Selbstbestimmung widerspricht. (10.07.2014)

Nachtrag: Gerade war mein Beitrag hochgeladen, da erfuhr ich aus dem Radio, dass Die Regierung den obersten Geheimdienstler der US-Nachrichtendienste an der amerikanischen Botschaft aufgefordert hat, Deutschland zu verlassen. Donnerwetter, ein demonstrativer Faustschlag auf den Tisch! Aber ändern wird sich danach wahrscheinlich wenig bis nichts. (11.07.2014)

Ueberwachungskameras

Überwachungskameras. Quelle: Dirk Ingo Franke, Wikimedia Commons

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Sponti-Tipps

Foto

Zwei Schablonensprüche in der Wilhelmstraße bei der Universität Tübingen. Hübsch die Blutspur bei den Vegetariern (09.07.2014)

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Schöne und eklige Wörter

Der Deutsche Sprachrat hat 2004 einen Wettbewerb veranstaltet, um die schönsten deutschen Wörter zu küren. Die ersten fünf: „Habseligkeiten“, „Geborgenheit“, „lieben“,„Augenblick“ und „Rhabarbermarmelade“.

Es gibt auch Listen ekliger Wörter, die bekannteste stammt von Wiglaf Droste und Gerhard Henschel. In der Satirezeitschrift titanic haben sie eklige Wörter zusammengestellt. Einige Beispiele: „Drüsennässe“, „Gewebeprobe“, „Grindgabel“, „Standardstützstrumpf“, „Vaginalzäpfchen“.

Aber was macht ein Wort schön oder eklig? „Habseligkeiten“, „Geborgenheit“, „Lieben“,„Augenblick“ sind morphologisch schöne Kompositionen. „Rhabarbermarmelade“ klingt phonetisch schön und bei „lieben“ hat wohl die Bedeutung über die Wortform gesiegt. Dies gilt für die meisten ekligen Wörter. Sie führen zu unangenehmen assoziativen und emotionalen Konnotationen. (08.07.2014)

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Vergangene Passion

Das Netz vergisst nicht! Durch Zufall bin ich auf ein Zitat von mir aus dem Jahr 1983 gestoßen, auf einer Website, die sich mit dem Leben als Single beschäftigt. Damals schrieb ich für „Psychologie heute“ regelmäßig Rezensionen, so auch über das Buch von Niklas Luhmann: „Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität“. Das zusammenfassende Zitat:

„Liebe als Passion ist ein französisches Modell, in dem Liebe als Leidenschaft, als maßloses Begehren außerhalb jeder rationalen Kontrolle verstanden wird (…). Dabei ist wichtig, daß Liebe hier ein Gegenkonzept zur Ehe darstellt, die Passion erleidet man nur in außerehelichen Beziehungen. Den Ehepartner achtet man, aber man liebt ihn nicht. Die Liebe wird als grundsätzlich zeitlich begrenzt angesehen.
(…)
Die romantische Liebe hingegen ist eine deutsche Errungenschaft. Sie fordert die Einheit von Liebe, Sexualität und Ehe (…). Die Idee der persönlichen Selbstverwirklichung durch wechselseitige Bildung verschafft der Liebe Entwicklungsmöglichkeiten und damit Dauer.“
(Steffen-Peter Ballstaedt in Psychologie Heute, April 1983)

Mein Text hat es in die Croatian Scientific Bibliography geschafft, allerdings als Abstract eines Beitrags von Ivan Markešić: Love Phenomenology in Niklas Luhmanns‘ Work „Die Liebe als Passion“. Sehr seltsam. (07.07.2014)

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Warenästhetik

Im Umfeld der kritische Theorie war in den 70er Jahren der Begriff der Warenästhetik in allen konsumkritischen Köpfen: Abgekoppelt vom Gebrauchswert wird der Tauschwert einer Ware erhöht, durch die Inszenierung des Produkts werden Bedürfnisse geweckt. Der Begriff der Warenästhetik verband sich mit dem marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug. Sein Buch von 1971 „Kritik der Warenästhetik“ hat er 2009 mit dem Zusatz „Gefolgt von Warenästhetik im High-Tech-Kapitalismus“ fortgeschrieben. Grundlegend hat sich wenig geändert, aber Marketing und Werbung sind jetzt wissenschaftlicher und professioneller.

Vor kurzem habe ich ein Projekt von Pundo3000 im Web entdeckt: Von 100 Lebensmittelprodukten wird Verpackung, Werbefoto und Inhalt gegenübergestellt. Schon jeder hat beim Öffnen z.B. einer Dose Sardinen festgestellt, dass das leckere Produktfoto und das tatsächliche Produkt sich nicht sonderlich ähnlich sehen. Oft wird das Produkt mit einem Serviervorschlag noch kulinarisch garniert und inszeniert. Die Gegenüberstellungen von Pundo machen wenig Appetit, aber ich habe mit Vergnügen alle hundert Produkte angeklickt. (07.07.2014)

 

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Ein Beispiel aus dem Projekt „Werbung gegen Realität“, mit freundlicher Genehmigung von Pundo3000. Guten Appetit! (ins Bild klicken, dann kann man es größer genießen)

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