Deutschen

An der Exzellenz-Universität Tübingen ist man auch sprachschöpferisch tätig, wie der gesprayte Spruch beweist: Wenn man sich wie ein Deutscher verhält und wie ein Deutscher redet, dann deutscht man. Und das ist nicht schmeichelhaft gemeint. Es gibt andere Verben nach diesem Muster z. B. „türken“ im Sinne von „vortäuschen“ oder „fälschen“. Wie die diskriminierende Bedeutung entstand, darüber gibt es mehrere Versionen. Aber heute wird nicht mehr getürkt, sondern gefakt! Und der Schwabe schwäbelt, der Sachse sächselt, aber das bezieht sich nur auf den Dialekt. (08.08.2014)

P1160342

Spruch an einer hässlichen Mauer hinter dem Brechtbau. Foto: Max Steinacher

0

Zeichenpolizei

Wir sind in Deutschland und da gibt es auch einen Schilderüberwachungsverein e.V., eine Art semiotische Schutztruppe, die den Zustand der Straßenschilder kontrolliert. Wenn man ein verwahrlostes Schild entdeckt, soll man es posten. Auf der Site sind natürlich erschreckende Beispiele dokumentiert, aber „die Nutzung der bereitgestellten Informationen […] zur Verwendung auf anderen Websites ist untersagt.“ Also habe ich ein eigenes Foto von einem überklebten Schild aus meinem Archiv geholt, werde es beim SÜVA aber nicht hochladen und auch den Standort nicht verraten. (07.08.2014)

Ueberklebt

Behinderung der Kommunikation: Also das geht gar nicht! Foto: St.-P. Ballstaedt

IMG_1666

Ein ganz schlimmes Beispiel aus dem Universitätsviertel von Bologna. Foto: Wolfgang Scherer.

2

Liebesbriefe

Nicht ohne Rührung habe ich gelesen, dass sich Angelina Jolie und Brad Pitt sich handgeschriebene Liebesbriefe schicken, wenn sie wegen Dreharbeiten getrennt leben. Das könnte den Trend zu knappen SMS-Liebesbotschaften beeinflussen, denn vor allem unsere Jugend braucht ja Vorbilder. Nur ein paar Musterbriefe sollten die beiden schon zur Verfügung stellen. Meine Tipps konnte man in der WAZ, Westen.de nachlesen: „Liebesbriefe folgen ähnlichen Regeln wie Bewerbungsschreiben, sagt Steffen-Peter Ballstaedt, Professor für angewandte Kommunikationswissenschaft, “in der Bewerbung steckt ja auch das Wörtchen ‘werben'”. Darum rät er dazu, in einem Liebesbrief nicht so viel über sich selber zu schreiben, sondern darüber, was einem an dem anderen interessiert. Der Adressat des Liebesbriefes muss im Mittelpunkt stehen. “Dabei sollte der Verfasser möglichst konkret werden und genau beschreiben, was den anderen so liebenswert macht”, rät Ballstaedt. Um nicht in Floskeln zu versinken, sei ein Inhalt, ein Ereignis, das man beschreibt, hilfreich. “Zum Beispiel könnte man über einen Film oder ein Buch schreiben, bei dem man an den anderen denken musste”, so Ballstaedt. Wer nur über Gefühle schreibt, rutsche schnell ins “Gesülze” ab. Alte Liebesbriefe aus dem 19. Jahrhundert waren meist seitenlang und dabei sehr inhaltlich“, sagt der Kommunikationswissenschaftler.“ Alles klar? 1a-Lebensberatung! (06.08.2014)

0

Zigarettenschachteln

Noch eine Aufklärungskampagne mit Bildern in drei Akten:

1. Auf Zigarettenschachteln müssen in Deutschland seit 1.10.2003 Warnungen aufgedruckt werden , die 40% der Fläche einnehmen, z. B. „Rauchen kann tödlich sein“.

2. In etlichen Ländern z. B. Spanien, Frankreich, Großbritannien werden Schockbilder aufgedruckt, z. B. von einer Raucherlunge oder einem Kehlkopfkarzinom. Studien zufolge werden die Bilder länger angeschaut und haben einen emotionalen, d.h. abschreckenden Effekt. Zahlen, die belegen, dass weniger geraucht wird, liegen meines Wissens nicht vor. Gegenmaßnahme sind Überzieher, die das Bild abdecken.

3. In Australien werden seit 2012 nur Einheitspackungen (plain Packaging) erlaubt, ab 2017 ist das auch für Europa geplant. Sie sind schlammgrau, zeigen wieder ein Schockbild, der Markenname wird in einem einheitlichen Schriftzug aufgedruckt. Damit hat die Tabakindustrie keine Möglichkeit mehr, über das Layout der Schachtel irgendetwas zu kommunizieren: kein Logo, kein Bild, kein Schriftzug, keine Farbe. Nach einer  Studie aus Australien ist der Anteil der Raucher deutlich gesunken.

Unabhängig davon, ob die Effekte der Bilder valide nachgewiesen sind, frage ich mich grundsätzlich, ob derartige Schockpädagogik nicht zu weit geht. Dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Aber wenn wir den Ansatz zu Ende denken, dann brauchen wir auch Bilder von Leberzirrhosen auf Alkoholflaschen oder von amputieren Diabetikerbeinen auf bestimmten Lebensmitteln. (05.08.2014)

resizeimg.php

Einheitspackung für Zigaretten: Quelle: Australian Government, Dept of Health & Ageing

1

Ebola

Jeden Tag sieht man im Fernsehen aus Westafrika die gespenstischen Bilder von Ärzten und Pflegepersonal in Schutzkleidung. Dass das Virus sich ausbreitet, liegt auch an der mangelnden Aufklärung der oft analphabetischen Bevölkerung. Wie bei anderen übertragbaren Krankheiten wie Tuberkulose, Aids oder Lassafieber versucht man die Bevölkerung mit Bildern über Symptome und Übertragung zu informieren. Unicef hat für Ebola eine Serie von Postern entwickelt, die man z. B. auf der Website der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) herunterladen kann. Die Texte sind in der Amtssprache Englisch und mit schematisierten Bildchen für die (funktionalen) Analphabeten versehen. Auch eine Site, die sich speziell an nigerianische Frauen wendet, bietet einen pictorial guide an. Didaktisch gäbe es an den Text-Bild-Kombinationen manches zu verbessern, aber hoffen wir, dass dadurch einige Opfer weniger zu beklagen sind. (04.08.2014)

EbolaKeyMessagesUPDATED.A2.July1.14         EbolaPosterSignsAndSymptoms.A2.2July2014

Poster dies Symptome, Verbreitung, Prävention und Behandlung von Ebola in Text und Bild darstellen. Es werden immer wieder dieselben Bildchen verwendet. Quelle: http://www.cdc.gov

0

Pilzsaison

Pliz1 Kopie

Bei schwülen Temperaturen erste Funde beim Pilzesuchen. Foto: Elfriede Hornung-Ballstaedt (03.08.2014)

1

Helvetismen

Bei meinen Aufenthalten in der Schweiz sind mir etliche Wörter und Redewendungen aufgefallen, die ich nicht kannte. Sie führen meist zu keinen Verstehensproblemen, aber sie konnotieren ein andere Mentalität. Z. B. wird parkiert und grilliert, konkurrenziert und rezykliert, das klingt nach gehobener Lebensart. Einen Vertrag muss ich unterschrieben retournieren. Im Gastrobereich musste ich neue Wörter lernen, vor allem den Apero! Das Poulet konnte ich aus dem Französischen ableiten, aber der Nüsslisalat? Einige Mundartwörter kann man sich nur in der Schweiz vorstellen. Mein Liebling: das Bettmümpfeli. Das ist eine Süßigkeit vor dem Schlafengehen. Bei uns ein Betthupfer, das klingt auch nicht übel, aber die Schweizer Variante lässt einem die Schokolade bzw. Schoggi auf der Zunge schmelzen. (03.08.2014)

0

Knorpelkirsche

Wieder habe ich ein schönes Wort entdeckt: Auf dem Markt werden Knorpelkirschen angeboten. Das klingt wenig fruchtig. Das Wort „Knorpel“ stammt aus dem 15. Jahrhundert und bezeichnet festes und doch elastisches Stützgewebe. Nach dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm handelt es sich um „eine Kirsche mit festem, knorpeligen Fleisch“. Die Konsonanz des K imitiert das Bisserlebnis. Diese Süßkirsche ist sehr alt und Pomologen unterscheiden zahlreiche Arten, z. B. Schneiders späte Knorpelkirsche, Büttners rote Knorpelkirsche und Dönissens gelbe Knorpelkirsche. (02.08.2014)

Große Germersdorfer

Große Germersdorfer Knorpelkirsche. Foto: Silverige. Wikimedia Commons

0

Schilderwald 1

Dass wir alle auch in einer semiotischen Umwelt leben, ist bei der Anhäufung von Zeichen in vielen Städten kaum zu übersehen und oft dokumentiert: Verkehrsschilder mit Geboten und Verboten, Richtungshinweise, Fahnen, Aufkleber usw. Was mir aber auffällt: Auch in Wald und Flur geht es so weiter. Immer mehr Schilder werden an die Bäume und Pfosten genagelt: Wanderwege, Rundwege, Pilgerwege, Privatwege, Lehrpfade, Loipen, Trimm-dich-Pfade, Nordic-Walking-Strecken, Radwege, Biker-Trails, Reitwege, Rasthäuser, Gemarkungen, Forstarbeiten, Naturschutzgebiete, Müllabladeverbote, Waldbrandgefahr, Wanderparkplätze, Grillplätze, Schonungen, Bannwälder, Hundeanleinpflicht, Hundekackverbote usw. Die Natur ist vollständig durchorganisiert. – In Tübingen wurde vor zwei Jahren bei einem Waldspaziergang ein Hund von einem Wildschwein angegriffen und schwer verletzt. Die Hundebesitzerin beklagte sich bei der Stadt, dass kein Schild vor der Gefahr gewarnt hätte. Sogar auf die Möglichkeit herabfallender Äste im Wald wird hingewiesen. (01.08.2014)

Schilderwald   Betretungsverbot

Warnschild vor einem Wald in Bad Sassendorf und vor einem Bannwald im Schönbuch. Fotos: St.-P. Ballstaedt

0